(Vielleicht) nicht nur ein Märchen: Die Bremer Stadtmusikanten

Machen Tiere Musik?

Geht man von den heute zur wissenschaftlichen Fachdisziplin geronnenen Human Animal Studies aus, so fallen manchem vielleicht Friedrich von Hauseggers Thesen zum Ursprung von Musik aus dem Jahr 1885 ein: Danach hat sowohl menschliche Musik als auch tierische Lautentäußerung die gemeinsame Wurzel in Stimmungen. Freilich attestiert der Berufsjurist und gleichermaßen seinerzeit professionelle Musiktheoretiker Hausegger nur dem Lebewesen Mensch ein „selbst-bewusstes“ Vorgehen beim Erzeugen von Tönen und allgemein die Veranlagung zum Kunstschaffen. Demgegenüber ließe sich einwänden, dass der Mensch der Steinzeit – den Tieren seiner Umgebung gleich – auch die Natur nachahmte, ohne damit zunächst kunstgerechte Musik hervorbringen zu wollen.

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Tiere, die musizieren, zeigt auch dieses Gemälde eines unbekannten Meisters aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert (Maestro della fertilità dell’Uovo, Sotheby’s, It/GB p.d.).

Hauseggers Studie ist heute trotz des fortschrittlichen Ansatzes im Jahr des Drucks lange schon nicht mehr aktuell, denn er beruft sich an zahlreichen Stellen neben dem schon zu Lebzeiten umstrittenen Wilhelm Wundt auf Charles Darwin, um seine distinktiven Analysen zu unterfüttern. Schreibt man dem Menschen die Fähigkeit und den Willen zur Kunst zu, warum sollte diese nicht auch in spontaner Improvisation Tieren zu eigen sein, deren Vergnügen über das wenig zweckgebundene Spiel – jenseits von Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung – sich in unserem Jauchzen ähnlichen Lauten äußern kann?

Die zweite Auflage der Abhandlung „Die Musik als Ausdruck“ von 1887 wurde 2017 nachgedruckt (Hansebooks, ISBN 978-374465829-4) und liegt seit letztem Jahr auch in einer neuen englischen Übersetzung vor.

Die historisch entwickelten (Holz-)Blasinstrumente, seien es Oboe, Fagott und Klarinette in Klassik und Klezmer oder Didgeridoo und Alphorn in (trans-)folkloristischer Verwendung, dienen auch heute noch dazu, tierähnliche Stimmen zu produzieren, das Quaken des Froschs oder das Schnattern der Gänse zu imitieren. Ist menschengemachte Musik ihrer Intention nach heute so weit von der affektiven Sprache der (Haus-)Tiere entfernt? Nicht nur die Ursprünge, auch die alltäglichen Praxen spiegeln vielerlei Anlässe für das, was wir „Kunst“ nennen. Im übertragenen Sinn wären also Die Bremer Stadtmusikanten nicht ganz ein Märchen.

Englische Edition:

Friedrich von Hausegger:
Music as expression. Translated by Robert J. Crow. Wien, London, New York 2018 (= Studien zur Wertungsforschung Band 60).

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.