Erfinderisch im Barock

Kuriosum „aus Holbergs Zeit“

Natürlich gab es Zupfinstrumente wie die Laute lange vor der Ära Purcells und Pachelbels, doch entstanden gerade in der Zeit zwischen 1660 und 1720 etliche kreative, auch verschnörkelte Varianten, zu verdanken nicht zuletzt des weltoffenen Kulturverständnisses dieser Periode. Der erfahrene Instrumentenbauer Dieter Schossig kennt zahlreiche Bauarten der Laute aus früher Neuzeit, die er gerade für Musiker/innen mit dem Hintergrund historischer Aufführungspraxis selbst nachfertigt. Dazu gehört die wegen ihres gebogenen Halses so genannte und in dieser Abweichung vom einfachen Typus besonders auffällige Schwanenhalslaute, die in den Jahren um 1690 etwa von Martin Hoffmann in Leipzig gebaut wurde.

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Diese „Fantasia for lute“ komponierte der berühmte Lautenist Diomedes Cato von Venedig (* ca. 1570) für Sigismund III., König von Polen (Diomede Cato, 28.10.2011, Pl/It p.d.).

Kurios mutet das dreizehnchörige Instrument heute zwar an, gleichzeitig aber wirkt(e) es elegant. Denn man gefiel sich um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in der stilistischen Auffächerung, die im Rokoko schon wieder als verkünstelt empfunden wurde, weshalb man sich die „schlichtere“ botanische Natur zum Muster nahm. Etliche Kreationen aus barocken Werkstätten muten dagegen sehr ornamental an oder weisen unkonventionelle Formen auf.

Musterbeispiel einer barocken Schwanenhals- laute (Mathiasroesel, 11.10.2004, CC-Liz.)

Der Schwanenhals selbst besteht aus geschwärztem Ahorn und ist von kunstfertiger Hand mit Verzierungen beschnitzt. Zwei andere Holzsorten kommen bei dem Instrument ins Spiel, nämlich Alpenfichte für die Decke des Resonanzkörpers und Ebenholz für das Griffbrett, über dem die Saiten angeordnet sind. bemerkenswert ist, dass die Schwanenhalslaute als einzige Barocklaute – gerade wegen ihres schmucken, aber nicht übertrieben „künstlich“ wirkenden Halses – bis in die Frühklassik „überlebte“ und von Komponisten wie Spielern, im deutschen Sprachraum etwa von Adam Falckenhagen, Bernhard Joachim Hagen, Christian Gottlieb Scheidler oder Jakob Friedrich Kleinknecht weiter genutzt wurde. Die Originalvorlage für Dieter Schossigs Lautennachbau befindet sich übrigens im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, wo sie besichtigt werden kann.

Literatur u.a.
Michel Cardin: The Late Baroque Lute: Sonority, Sound aesthetic, and Ornamentation seen through the Genius of Silvius Leopold Weiss (1686 – 1750). In: Lute Society of America. Quarterly XXXIII. 1998.

Werkstatt für historische Lauten

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.