Amusio Assessment Center (14)

Fünf Trümpf

Marika Hackman: „Any Human Friend“ (AMF Records/Caroline International)

Marika Hackman – Any Human Friend (AMF Records/Caroline International)
Auf ihrer nunmehr dritten Longplay-Inkarnation entfacht die Britin ein – musikalisch – stets plausibel aufbereitetes Vexierspiel mit ihrer persönlichen Bipolarität. Wo sie vorgeblich tief blicken lässt (etwa hinsichtlich ihrer sexuellen Disposition), reklamiert sie subtil-offensiv den Anspruch allgemeiner Gültigkeit. Aber wenn sie, wie in forciert von „Pop-Appeal“ getragenen Tracks wie The One oder I’m Not Where You Are, an der Oberfläche kratzt, rüttelt sie tatsächlich an ihren eigenen Eingeweiden. Diese Ambivalenz überträgt Marika Hackmann in ein wundersames Ganzes, bei dem sich die – an sich – doch gegebene Orientierung stets aufs Neue als Trugschluss erweist und sich zu verlieren droht. Indem sie das Harmlose mit dem Prekären verquickt, entsteht unter dem Deckmantel einer zu Songs geronnenen Versuchsanordnung ein Selbstporträt, das den Eindruck stetigen Changierens erweckt. So als ob sie es darauf angelegt hätte, dass wir uns in ihr verlaufen. Wie in einem Labyrinth. Treffender lässt sich die Differenz aus Person und Persönlichkeit kaum in ein pop-musikalisches Kleid hüllen. Was sich unter seinem Stoff „tatsächlich“ verbirgt, deutet bereits das Cover an.
facebook.com/MarikaHackman

Ride: „This Is Not A Safe Place“ (Wichita/[PIAS] Cooperative/Rough Trade)

Ride – This Is Not A Safe Place (Wichita/[PIAS] Cooperative/Rough Trade)
Einnehmend wie ein wohl temperierter Sprühregen auf den gänzlich nackten Leib: Das zweite Album nach der 2014 erfolgten Ride-Reunion. Es erweist sich auf Anhieb als ein athletisch vollzogener Kraftakt, der ungeahnte Songperlen aufs Shoegaze-Schnürchen reiht. Wobei, das stand allerdings zu erwarten, der Genre-Begriff zuweilen sattsam überstrapaziert wird (Repetition). Doch zahlt gerade diese Freiheitsliebe in eine durchgängige Dynamik ein, die This Is Not A Safe Place zu einem stets vergnüglichen, stellenweise gar atemberaubenden Fahrgeschäft macht. Zu einer wahren Attraktion, die unterstreicht, dass Erfahrung nicht zur gemächlichen Borniertheit führen muss, selbst wenn das einst gewählte Fahrgestell kaum modifiziert wurde. Ließ Weather Diaries, das Album zur Wiedervereinigung, schon keinen Zweifel an der Statthaftigkeit des wieder aufgenommenen Unterfangens zu, dürften Ride nunmehr uneingeschränkte Glückwünsche entgegennehmen. Ist ihnen doch – Stand heute – nach 31 Jahren der überzeugendste Nachweis ihrer an Alleinstellung heran ragenden Relevanz gelungen.
facebook.com/RideOX4

Sail By Summer: „Casual Heaven“ (Apollon Records/Membran)

Sail By Summer – Casual Heaven (Apollon Records/Membran)
Wem nach dieser Attraktionsfülle der Sinn nach graduell unbeschwerter Entspannung steht, greife dieser Tage zum Debüt dieses norwegischen Duos, dem Sänger William Hut (Ex-Poor Rich Ones) offenbar vorsteht. Rasch ist man geneigt, sich die von Sail By Summer ins Feld geführten Assoziationen eines nordischen Sommers anzueignen. Doch die agile Art, latent melancholisches Songwriting mit moderatem Uptempo zu garnieren, sollte auch in südlichen Gefilden bestens funktionieren. Entsprechend handelt sich bei Casual Heaven weniger um assoziativ stimulierte Klischees aus Herkunft und Identität als vielmehr um ein Bekenntnis zur allgemeingültig freundlichen Zugänglichkeit. Dry The River oder auch die Marble Sounds dürfen gerne als Referenz hinzugezogen werden, wiewohl Sail By Summer dann doch weitaus weniger künstliche Distanz aufweisen. Musik von Freunden, für Freunde.
facebook.com/sailbysummer

Kála: „Synthesis EP“(Through Love Records/Indigo)

Kála – Synthesis EP (Through Love Records/Indigo)
Anhand ihrer dritten EP schließt sich für das Innsbrucker „Dreamo“-Quartett nicht allein ein konzeptionell vorab veranschlagter Kreis. Denn aufgrund jener stetigen Weiterentwicklung, mit der Synthesis ihrem (mit Sicherheit allenfalls) vorläufigen Höhepunkt entgegenstrebt, eröffnen sich für Kála neue Wege – mit noch weitaus höheren Weihen zum Ziel, die das Zirkuläre endgültig verabschieden dürften. Es kaum zu entscheiden, womit diese Band nun am hervorragendsten punktet: Ist es das eigentliche Songwriting? Oder doch eher die sensible Art und Weise, wie die Gitarrenarbeit sämtliche Nuancen seiner dramaturgischen Vorgaben auf den Punkt bringt? Unentschieden. Und doch entschieden erregend, wie Synthesis auch im Sinne der zitierten Genre-Anleihen seinem Namen alle Ehre macht. Wenn Hardcore etwa auf Shoegaze trifft (Passé), ohne das diese Vermengung den Eindruck des Gewollten erweckt. Bei Kála erscheint jede Wendung, jede genommene Hürde sowie bestens passierte Kreuzung als pure Notwendigkeit. Hier wächst Großes, mit Synthesis lässt sich dieses Wachstum nachvollziehen.
facebook.com/kaladreamo

The Cray Twins: „In The Company Of Architects“ (Fang Bomb)

The Cray Twins – In The Company Of Architects (Fang Bomb)
Der für heute abschließende Themawechsel erfolgt anhand des Sukzessors von The Pier – einem Album, das vor gut drei Jahren an dieser Stelle zu einem Meisterwerk des experimentell veranlagten Dark Ambient erklärt (aber nicht verklärt) wurde. Nun legen Paul Baran und Gordon Kennedy nach – unterstützt von insgesamt acht Kollaborateuren. Was vielleicht erklärt, warum die extreme Kargheit, mit der In The Company Of Architects seinen Lauf nimmt, auf Dauer den Segen ungebrochener Phrasierung erfährt. Was sich in sinistrer Kontemplation suhlt, tut dies also nur zum Schein. Im Sinne einer Täuschung, die von der subversiven Reizüberflutung ablenkt, mit der die Cray Twins ihre Visionen ins Reich der akustisch-akusmatischen Resonanz überführen. Hochgradig artifiziell, zutiefst anrührend. Wappnet den Geist gegen die Anfeindungen des universellen Lärms. Widmet sich einem inneren Frieden, der diffus bleiben muss. Und somit einer Architektur, die sich als Aquarell in grauschwarzen Tönen zur Genüge entfaltet.
facebook.com/thecraytwins

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