Auftakt zu den 26. Erfurter Domstufen-Festspielen

Flammbares Relikt

Halb Detektivgeschichte, halb Krimi-Thriller präsentiert sich der Stoff des Romans Der Name der Rose fast vierzig Jahre nach seinem Erscheinen in anderer, so nicht überall erwarteter, aber spektakulärer Form – nämlich als Musical. Dem norwegischen Duo Øystein Wiik und Gisle Kverndokk gelang, wie zur Premiere gestern Abend zu hören und zu sehen war, eine originelle und bewegte Version. Zum mittelalterlichen Stadtbild Erfurts als Kulisse und direkt vor den beiden zentralen Kirchen präsentierten die Regisseure Axel Köhler und Arne Langer mit Mirko Mahrs Choreographie sowie Judith Adams Kostümierung ein aufwändiges Schauspiel auf dem Hintergrund des imaginierten Jahrs des Herrn 1327. Am Pult stand Musical- und Bigbandexperte Jürgen Grimm, mit dem Orchester geschützt vor sich anbahnender Wetterunbill in Gestalt nicht vorhersehbaren Dauerregens, während das Publikum jedoch auf den Genuss des zweiten Teils ganz verzichten musste.

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Der junge Adso (Florian Caspar Minnerop) begegnet dem armen Bauernmädchen (Eva Löser; Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Eine Christusikone, in verschiebbare große Puzzleteile zerlegt, verteilt sich über die Domstufen. Frank Philipp Schlößmann, der Bühnenbildner der Inszenierung, spielt damit wohl auf den Erkenntnisprozess der Figur William von Baskervilles an, der ein Bild zusammensetzt, langsam und auf dem Weg über fünf Morde an Mönchen des Klosters Melk das Geheimnis, das im Kloster verborgen liegt, entschlüsselt. Den einstigen Inquisitor einer düsteren Epoche Europas muss am Ende seiner Ermittlungen schließlich auch erleuchten, was die (römische) Kirche am Erbe der Antike verschuldete, indem sie die Verbindung zu einer gewachsenen, am Menschen orientierten Philosophie- und Wissenschaftstradition kappte, um ihren monistischen Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Der kündigt sich bereits im hier von Italien ins Kloster Melk verlegten Disput zwischen den Papsttreuen und den auf die Botschaft der Armut setzenden Franziskanern an; die Wende zur Renaissance der Antike wird hier vorweggenommen.

Der Inquisitor Bernardo Gui (Rainer Zaun) trifft im Kloster ein (L. Edelhoff).

Es geht in Umberto Ecos Roman und im Musical um nichts weniger als das zweite „Buch“ der aristotelischen Poetik, die freilich, als die Vertuschungsmorde aufgeklärt sind, in Flammen aufgeht – eine nachgelieferte fiktionale Erklärung für eine verschollene Abhandlung über die Komödie und die Jambendichtung als zweitem Teil, zumal der antike Philosoph zum Thema lediglich ein Vortragsskript verfasst hatte, das nur für Hörer, nicht für Leser gedacht war.

Behutsam im tänzerischen Auftritt, aber stimmlich prägnant zeigt sich der Chor der Mönche (L. Edelhoff; Theater Erfurt).

Der Plot ist geschickt ersonnen, denn natürlich musste die orthodoxen Kirchenvertreter, hier exemplifiziert in der Figur des Klosterbibliothekars Jorge von Burgos, ein Traktat zu einem heidnischen Theatergenre, dem es noch dazu am Ernst des Tragischen und damit der Disposition zur Bußfertigkeit mangelte, gegen sich aufbringen. Es musste also mit allen Mitteln, selbst denen des Mordes an Unschuldigen, aber Wissenden unterdrückt werden, wiewohl man sich dessen ideellen und historischen Werts bewusst war.

Die päpstliche Delegation tritt zum Disput an (Foto: L. Edelhoff).

Gisle Kverndokks solistischen wie chorischen Gesangspartien eignet ein Stimmduktus, dessen melodischer Bogen zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart aufgespannt ist. In den erzählerischen ariosen Partien neigt er mehr zu einem auch auf Refraintechnik basierenden (spät-)romantischen Melostyp, in den emotionsgeladenen Reaktionen des Mönchschors blitzt die Harmonik der („Post“-)Moderne auf, wie man sie von Leonard Bernstein oder Hans Werner Henze kennt. Die Zusammenarbeit des Trondheimer Komponisten mit dem als Sänger und Schauspieler in vielen Hauptrollen hochversierten Kompagnon Øystein Wiik trägt seit Jahren reiche Frucht, denn der Librettist weiß wie kein zweiter, wie die Sprache der Vorlage nach dem musikalisch Möglichen zu formen ist. Dem Musical gemäß kommen auch andere Instrumente wie der gleichmäßige Puls des Jazz-Schlagzeugs in etlichen, insbesondere den Medley-Passagen zum Einsatz.

Der Textautor des in Erfurt am 9.8.2019 uraufgeführten Musicals ‚Der Name der Rose‘, Øystein Wiik, studierte in Oslo, Wien, Bologna und London. Er spielte selbst sängerische Hauptrollen in ‚Evita‘ und ‚Jesus Christ Superstar‘. (Røed, CC-Liz.).

Stimmig rekrutierte sich zum Musical wie auch zu seinen operatischen Teilen die Auswahl der Sängerinnen und Sänger: Eva Löser, die ihre ersten Auftritte einst im Kinderchor der Oper Leipzig hatte, zuletzt in Essen und Bonn wirkte, singt die Partie des armen Bauernmädchens, die sich in den jungen Adso verliebt, emotional überzeugend; die Kammersänger Máté Sólyom-Nagy als alter Mönch Adso und Jörg Rathmann im Gewand des erzkonservativen Bibliothekars Jorge von Burgos entsprechen in schauspielerischer wie sängerischer Qualität der Dramaturgie der Vorlage in idealer Weise.

Verwirrung und Angst herrschen im mittelalterlichen Kloster (Foto: Lutz Edelhoff), bevor der „Aufklärer“ William von Baskerville (Yngve Gasoy-Romdal) den Knoten löst (Foto: Lutz Edelhoff).

Vor allem aber ist neben der großen Leistung des Hauptdarstellers und Sängers Yngve Gasoy-Romdal (er spielt den Sherlock Holmes des Librettos) diejenige des Musical-Spezialisten vom Fach, Stefan Poslovski, als Abt hervorzuheben, dessen Erfahrung aus zentralen Rollen in Les Misérables, Sweeney Todd, Tanz der Vampire und Chicago ihn zu einem glänzenden Ausführenden der im Mittelpunkt stehenden Songs macht. Ebenso erweisen sich die Gesangspartien Christian Miebachs als Berengario und Florian Caspar Minnerops, der den jungen Mönch Adso verkörpert, als voluminös und dramaturgisch gelungen.

Spielplan des Theaters Erfurt

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.