Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LIX

Im Gleichtakt der Klangwelten

Diachrone Aspekte von Musik müssen dort in den Hintergrund rücken, wo es darum geht, die Fülle gleichzeitig existierender Genres und Formen darzustellen. Eben dieses Konzept passt sehr gut zur Präsentation des „ultimativ Möglichen“ – wie es auf ein nahezu kontinentales Land wie Brasilien zutrifft. Dessen bloße Größe lässt ohnehin vermuten, dass Klangkulturen vorhanden sind, die miteinander keine Berührung hatten, abgesehen davon, dass sie einem staatlichen Gesetzgeber unterliegen: Amazonas-Indianer kamen fast bis heute kaum in Kontakt mit afrikanischer oder europäischer Musik, die am Atlantik siedelnden Weißen lernten über Jahrhunderte das riesenhafte Hinterland nicht oder nur singulär kennen.

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Maximiliano de Brito (li.) und Renato Mismetti (re.) mit der amerikanischen Komponistin Gloria Coates, deren Vertonung von Paes Loureiros Poem ‚Miragem‘ einen Teil des Programms ‚Entzaubertes Amazonien‘ im Schlosstheater Potsdam bildete (Dietrich Hilmi, 9.2.2014, CC Liz.)

Dem Paradigma der Synchronizität des historisch Ungleichzeitigen folgen die Konzertprogramme und Einspielungen des Baritons Renato Mismetti und des Pianisten Maximiliano de Brito seit langem. Auf der Suche nach einem anschaulichen Querschnitt durch die brasilianische, häufig von Indigenität geleiteter Kunstmusik wird man hier in reichhaltiger Weise fündig. Die Stile selbst von taktgebenden brasilianischen Komponisten, die sich im Konservatorium von Rio de Janeiro die Hände schütteln konnten, wenn sie sich begegneten, unterscheiden sich ebenso sehr wie die Klangwelten der Einwohner des Landes: Die Strukturen des Kleinen spiegeln sich im Großen.

Das wilde Amazonien aus der Sicht der Kunstmusikschaffenden spiegelt das Programm der „Brasilianischen Klänge“ mit Renato Mismetti und Maximiliano de Brito. Im Bild: Mündung des Amazonas in den Atlantik im Bundesstaat Maranhão (Coordenação Geral de Observação da Terra/INPE, 7.5.2019, Flickr CC Liz.).

Dasselbe gilt für die Poesie, auf der die von Renato Mismetti gesungenen Lieder beruhen: Sie zeichnen sich, selbst wenn man nur die Werkbiographie eines Autors betrachtet, durch Verschiedenheit und Wechsel aus: Wie der Dichter Alcides Villaça in nuce bemerkt, gilt es vielmehr „der Dialektik der inneren und äußeren Spannungen zu folgen“, die etwa an Carlos Drummond de Andrades Gedichten offensichtlich ist. Sie rührt im Großen einmal von den großen Verwerfungen zwischen den Völkern und Gesellschaften vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts her, im Speziellen hängt sie von den Bedingungen des Lebens in Brasilien und von den „Bewusstseinszuständen des modernen Menschen“, damit auch des Künstlers ab, die dessen Schaffensmotivation begründen. Der Titel des Mismetti und Brito gewidmeten Liedes von Marlos Nobre, O canto multiplicado auf der Basis von Drummonds Poesie bildet diese typische Gemengelage ab.

Almeida Prado widmete seine drei Lieder zu Gedichten der Schriftstellerin Hilda Hilst (im Bild, 1970) Renato Mismetti und Maximiliano de Brito (Correia da Manha, Nationalarchiv Brasilien p.d.).

Die Uraufführung des genannten Liedes fand zu Ehren von Drummonds 100. und Nikolaus Lenaus 200. Geburtstag im Bayreuther Markgräflichen Opernhaus statt. Am 14. August 2002, genau heute vor 17 Jahren, stand es auf dem Programm des legendären Konzerts, das Lenaus Gedichte Einklang und Wiege sie sanft, o Schlaf in der Vertonung von Alberto Nepomuceno einschloss. Kilza Settis Drei Gesänge nach Carlos Drummond de Andrade erklangen ebenso wie Violeta Dinescus Trés poemas de Hilda Hilst und Heitor Villa-Lobos‘ Poema de Itabira; Lieder des Dirigenten und Komponisten Ricardo Tacuchian, von Almeida Prado und Edino Krieger nach Liebesliedern und Sonetten von Carlos Drammond de Andrade und von der aus Sao Paulo stammenden „Dichterin der Leidenschaft“ Hilda Hilst bildeten einen weiteren Schwerpunkt des Abends mit Renato Mismetti und Maximiliano de Brito. Sie finden sich versammelt mit anderen auf einer Live-CD des Labels Pleorama aus dem Jahr 2016.

Dem afrikanischen Liedgut von 1820 bis heute gilt Renato Mismettis und Maximiliano de Britos Aufmerksamkeit (Sängerin in São Paulo, 27.11.2016, The Photographer, CC-Liz.).

Die beiden brasilianischen Musiker waren es, die auch die musikalischen Reflexionen über Amazonien, den weitaus größten Teil des „sechsten Kontinents“ und die Gesänge der Nachkommen afrikanischer Sklaven in Brasilien dem europäischen Publikum nahebrachten; letztere waren der Anlass für eine erst vor kurzem präsentierte Aufnahme zur Erkundung des afrikanischen Erbes im brasilianischen Kunstlied unter dem Titel Agô! („Voran!“) – in einem weit gespannten Bogen von 1820 bis in die Gegenwart, der auch wiederum die Kontinuität folkloristischen Liedguts (letztlich auf dem gesamten Erdkreis) erweist.

Dokumentation:
Zauber Amazônia. Uraufführungen Kilza Setti, Violeta Dinescu, Marlos Nobre
Recital mundo mundovasto mundo. Uraufführungen Setti, Dinescu, Nobre, Tacuchian, Prado, Krieger.
Entzaubertes Amazonien. Stimmen der grünen Hölle.
Canidé – Japiim. Art songs by Villa-Lobos and Waldemar Henrique. Pleorama 2016.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.