Überlegungen zu Ausgangspunkten des Komponierens

Kann der einzelne Ton schon Motivkern sein?

Bezeichnete Hugo Riemann das Motiv als ein Melodiebruchstück und „kleinste Einheit von selbstständiger Ausdrucksbedeutung“ in auftaktiger Folge, schränkte er damit seine Erscheinungsform deutlich ein, während andere Bestimmungsversuche weiter gefasst waren. Es ist ja genauso plausibel, wenn sich das Motiv eines Werks der Moderne mitten im Satz versteckt. Heute noch verwendbar ist dagegen Riemanns allgemeinere Benennung eines „musikalisch Konkreten“, an dem die Parameter, also Melodie, Harmonie, Dynamik und Klangfarbe „Anteil haben“. Fragment wäre dagegen der „Motivkern“, dessen Wesen sich aber keineswegs leichter fixieren lässt, nicht zu verwechseln mit „Kernmotiv“, ein Begriff, der überwiegend in der Literaturwissenschaft Verwendung findet.

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Prinzipiell kann ein Motiv(kern) auch nur aus einem Ton bestehen – in der Musik der Moderne kommt dies nicht selten vor (Irving Berlin: Misterioso motif, 1921, 28.9.2015, US p.d.).

Den Hauptgedanken in einer Arie nannte man – laut Eintrag in der Encyclopédie Française – im Italien des 18. Jahrhunderts motivo („bewegt“), womit wohl suggeriert wurde, dass das Gemeinte aus mehreren Tönen inklusive metrischer und rhythmischer Gestaltung zu bestehen hatte. Ein Gedanke kann jedoch ein luftiger Einfall oder bloße Idee sein – und somit auch nur aus einem „zufällig“ aufgegriffenen oder willentlich akustisch imaginierten Ton bestehen. Nachweisen ließe sich ein solcher Sachverhalt bei einer vorliegenden Komposition sicher nur in seltenen Fällen, wenn er nicht (auto-)biographisch dokumentiert ist, mit Gewissheit aber dort, wo ein einzelner Ton oder Akkord zu Beginn erklingt und danach eine Pause folgt, die seine Bedeutungsschwere hervorhebt und ihn nicht zum reinen Auftaktzweck degradiert.

Ligetis ‚Continuum‘ klingt infolge der abenteuerlichen Geschwindigkeit, in der das Cembalostück zu spielen ist, wie aus einem Ton gehämmert (Fläm. Cembalo, Antwerpen 1618, Musikinstrumentensammlung Berlin, Jorge Royan, 2007, CC-Liz.)

Anton Bruckner entwickelte, nur um ein Beispiel anzuführen, in seiner 3. Symphonie d-Moll das Motiv aus einem „rudimentären Motivkern“, dieses Vorgehen ist jedoch schon aus Beethovens 9. Symphonie bekannt. Ein minimales Ausgangsfragment eines Motivs besteht aber dem Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts nach aus wenigstens zwei Tönen, deren originelle Verknüpfung durch das charakterisierende Intervall, etwa einen Nonensprung, gewährleistet ist – und aus dem, um ein botanisches Bild zu gebrauchen, die „Pflanze“ und „Blüte“ des Satzes entstehen. Zweifellos existieren aber ebenso eintönige oder einakkordische kleinste „Motivkerne“. Möglicherweise beruht György Ligetis Continuum auf der Idee eines einzigen, in der „Durchführung“ insistierend in die Cembalotastatur gehämmerten Tons, auch wenn in der Ausführung auf dem Notenblatt natürlich Sekund-, Terz- und Quintgänge in einem dramatisierten Gesamtkonzept vorliegen.

Der Musikwissenschaftler Hugo Riemann kennzeichnete das Motiv als das „musikalisch Konkrete“ (Abb.: 1889, Benque & Kindermann, p.d.).

Die ausgeklügelte Kontrapunktik so manchen barocken Werks geht wohl noch häufiger als es bei Satzweisen der (Post-)Moderne der Fall ist, vom singulär erklingenden Ton aus. Die Pralltriller-Verzierung eines Tons, nämlich just des („wohltemperierten“) Kammertons a bildet schließlich den Ausgangspunkt von J.S. Bachs Toccata in d-Moll. Hier wäre freilich die Bemerkung angebracht, dass es sich bei einem derartigen „Motivkern“ schon um das Motiv selbst handelt, das also keineswegs ein schon vorher erdachtes Intervall darstellen muss. Inspirationen oder Muster für die prozesshafte Ausspinnung eines Einzeltons zu Motiv und Thema kann alles Denkbare sein: das einmalige, aber lange nachklingende Anschlagen der Stimmgabel zur Justierung eines Instruments zum Beispiel, die Vorgabe des Anfangstons bzw. -klangs durch den ersten Geiger vor dem Orchester, ein Geräusch aus dem Alltag oder der Natur und vieles andere mehr.

Literatur u.a.
Sarah Rust: Musikalische Poetiken des 20. Jahrhunderts: Igor Strawinsky und die „Charles Eliot Norton Lectures“. Würzburg 2014.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.