Die oder/und eine weitere Musikschaffende der Renaissance

Zwei Schwestern?

Ein seltener, vielleicht desto kniffligerer Fall für die Musikgeschichtsschreibung: War(en) es eine Frau oder zwei Schwestern, die als Komponistin(nen) sowohl das geistliche als auch das weltliche Repertoire ihrer Zeit bereicherte(n)? Von ihr oder beiden sind nämlich zwei Vornamen überliefert: Raffaela und Vittoria – zum Geschlecht der Aleotti. Aufgrund stilistischer Untersuchungen könnten Musikwissenschaftler nun, insbesondere, sollten neue Funde dazukommen, mit größerer Wahrscheinlichkeit sagen, ob es zwei weibliche Sprösse ein- und derselben Familie waren.

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Bunter „Girlanden“-Reigen der Madrigale – nach Texten von G.B. Guarini veröffentlicht 1593 von Vittoria Aleotti (S. unknown, It p.d.)

Die spätere für den kirchlichen Gebrauch schaffende (?) Raffaela wurde um 1570 im oberitalienischen Ferrara geboren. Ersten Unterricht erhielt sie wie in der frühen Neuzeit häufig aber nicht vom Vater, der im übrigen Hofarchitekt war oder beiden Eltern, sondern von Alessandro Milleville und dem heute bekannteren Ercole Pasquini als Hauslehrern, sowohl in Gesang als auch Cembalospielen und Komposition. Sie (so es denn die „richtige“ ist), trat etwa mit 20 Jahren in das Augustinerkloster der Stadt ein, was für Töchter aus ökonomisch gut gesichertem Hause nicht unüblich war.

Bereits drei Jahre später wurde Raffaela Chorleiterin, einige Zeit danach rückte sie zur Priorin auf. Auf den ersten Blick seht es so aus, als habe sie den alternativen Namen Vittoria bei ihrem Verschwinden hinter den Klostermauern erhalten, aber war dies das passende Allonym für eine Nonne?

Die Chorleiterin des Augustinerklosters von Ferrara war seit 1590 Raffaella Aleotti; beim Label Tactus liegt eine Auswahl aus ihrem Chorwerk mit reicher instrumentaler Begleitung, unter anderem Harfe und Cembalo, vor (ASIN: B000I2K9O2, 2006).

Nicht ohne guten (und besseren) Grund vertritt eine Forschungsmeinung heute den Standpunkt, es habe sich um zwei Personen, Schwestern aus der Familie der Aleotti gehandelt: Vielleicht war es die „andere“, Vittoria, die zwischen 1591 und 1593 Madrigale auf Lyrik von Giovanni Battista Guarini, einem Modedichter der Zeit, komponierte. Die späteren sacrae cantiones könnten daher auch aus der Hand der im Kloster lebenden Schwester Raffaela stammen; der Umstand, dass schon 1593 ein Teil ihrer Chorwerke für fünf, sieben, acht und zehn Stimmen in Venedig gedruckt wurde, könnte tatsächlich auf die Nonne und Chordirigentin hinweisen, denn es dürfte selten vorgekommen sein, dass ein- und dieselbe Komponistin sich nahezu gleichzeitig um die Veröffentlichung gänzlich weltlicher Lieder und hochkirchlicher Gesänge kümmerte – ungeachtet der Tatsache, dass die Hohelieder Salomons ersteren nicht ganz fremd sind …

Literatur u.a.
C.A. Carruthers-Clement: The madrigals and motets of Vittoria (Raffaela) Aleotti. Kent State University 1982.

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.