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Erlesener Schweinkram

Iggy Pop: „Free“ (Thousand Mile/Caroline International)

Iggy Pop – Free (Thousand Mile/Caroline International)
The Last Temptation of Pop?! Wollen wir es nicht hoffen. Zumal Herr Osterberg nicht zum allerersten Mal mit einem angejazzten Set flirtet (man höre Préliminaries von 2009). Wobei der Begriff „Jazz“ angesichts von Free, wie so häufig, fundamental deplatziert markiert, was Ambach ist. Oder Asbach Uralt: Lounge Ambient, in sich selbst ruhend getragen von flächigen Gitarreneffekten (Noveller) und mit säuselnder Trompete (Leron Thomas) verziert. Schließlich mit der hehren Selbstverständlichkeit des unverwundbaren Faun kredenzt. Dass Iggy Pop stets das Zeug zum Multi-Talent besaß, erweist sich erneut als unumstößliches Faktum. Dass er auf Free jeglicher Bescheidenheit in Bezug auf sein stimmliches Ausdrucksvermögen die Pforten des schwummrigen Salons weist, zwingt dort einen nur ganz allmählich ausklingenden Applaus ab. Besonders geiler Ausreißer: Dirty Sanchez. Saugut.

iggypop.com

Chrissie Hynde: „Valve Bone Woe“ (BMG Rights Management)

Chrissie Hynde – Valve Bone Woe (BMG Rights Management)
Da hält es das weibliche Pendant bei ihrer Mission, altgedientem Material eine ihr (und eben nicht ihm) neuartige Einpassung zu verpassen, eher mit der Konvention. So auch Aha-Effekte entsprechend rar gesät sind, überzeugt die vollkommene Absenz von Ironie oder Distanz. Dass hier in erster Linie Chrissie Hynde selbst auf ihre Kosten kommt, generiert – und garantiert – den Mehrwert einer seriöses formulierten Leidenschaft, deren hoch zu veranschlagender Lustfaktor auch als Gewinn auf Seiten des Rezipienten zu ratifizieren ist. Wer aufgesetztes Schmuckwerk falscher Federn befürchtete, sieht sich falsch gewickelt. Respektvoll evaluiert Valve Bone Woe bleibende Werte, – anhand von locker geeichten Skalen, mit stilecht kalibrierter Wertigkeit. Sauschön.

chrissiehynde.com

Lower Dens: „The Competition“ (Domino Records/GoodToGo)

Lower Dens – The Competition (Domino Records/GoodToGo)
Zurück ins Hier und Jetzt, wenngleich die hier aufpolierten Mittel ihre erste Blütezeit auch schon längst in der U-Musik-Historie zu verorten haben. Nichtsdestoweniger legt Mastermind Hunter mit
The Competition den Verdacht nahe, das nächste High des Synthpop stünde kurz bevor. So reiht er eine Songperle an die andere (ah: Two Faces Love, oh: Buster Keaton, uh: Lucky People) auf eine Kette. Auf eine äußerst geschmeidig geölte Kette, die sich auf der Textebene jedoch in einen überaus gemein dimensionierten Plug verwandelt, mit dem sich oppressiven Elementen gehörig der Marsch blasen lässt. Während der – vermeintliche – Subtext das determiniert Obsolete aggressiv angeht, spricht die musikalische Fassung eine gänzlich andere Sprache: Hymnisch nach einem Oben strebend, das plötzlich zum Greifen nahe scheint. Diese Album weckt nicht nur sämtliche Lebensgeister. Es demaskiert zugleich das falsche Spiel der Hinderungsgründe. Richtig, wichtig, versaut.

facebook.com/lowerdens

Ordo Rosarius Equilibrium: “ Let’s Play (Two Girls & A Goat)“ (Out Of Line/Rough Trade)

Ordo Rosarius Equilibrium – Let’s Play (Two Girls & A Goat) (Out Of Line/Rough Trade)
„Versaut“ zu sein – das war schon immer die Domäne von Tomas Petterson und seiner Muse Rose-Marie Larsen. Auf dem nunmehr achten Album als ORE sind sie nun endlich an jenes Ziel gelangt, dem sie sich zuvor von Platte zu Platte immer weiter annäherten: (Dark) Pop in Perfektion. Sämtliche Redundanzen getilgt, jegliches Abweichen von den strengen Methoden der Eingängigkeit eliminiert, lesen ORE die Leviten raffiniert gesteigerten Zeitvertreibs. Die Lehre, dass jeglicher Verzicht (darauf) als eine Versündigung gegenüber der Sterblichkeit zu werten ist, – nun, sie ist nicht neu. Doch eine derart griffige und in sich restlos aufgesogene Argumentation vermögen selbst pornographische Angebote kaum nahezulegen. Alles geht. Bis es vorbei ist. Die Spiele, sie haben längst begonnen. Bringen wir sie zu einem guten Ende. Nicht nur erhobenen Hauptes. In memoriam sus scrofa.

facebook.com/ordorosariusequilibrio

Lusitanian Ghosts: „s/t“(Lusitanian Music/Broken Silence)

Lusitanian Ghosts – s/t (Lusitanian Music/Broken Silence)
Nun mal aber Schluss mit der Sauerei. Pflegen doch die aus Lissabon einen recht sauber daher kommenden Indie-Rock, dem sie anhand des gelegentlichen Einsatzes von Cordophon-Gitarren einige folkloristische Noten beimischen, die allerdings gerne etwas deutlich vernehmbarer hätten ausfallen können. Doch dieses vermeintliche Manko tut der sich hier offenbarenden Spielfreude keinerlei Abbruch. Mal erinnern die lusitanischen Geister an die Housemartins (Godspeed To You), dann glatt an Bowie zu schönsten Glam-Zeiten (Familiar Future) oder auch an gut abgehangene Standards nach Art eines Neil Young (Own Light). Allein schon diese Assoziationen lassen vermuten, dass hier Kurzweil zum erklärten Ziel erkoren wurde. Und dass diese illustre Mischpoke auch live bestens klappen sollte, steht außer Frage. Hier die Daten: 08.10. Berlin (Musik & Frieden), 09.10. Hamburg (Molotow), 14.10. Köln (MTC). Ab dafür, ihr Trüffelschweine der gehobenen Unterhaltung.

facebook.com/lusitanianghosts

The HU: „The Gereg“ (Eleven Seven Music Group)

The HU – The Gereg (Eleven Seven Music Group)
Im Gegensatz zu den Portugiesen lassen die Mongolen dem Crossover freien Lauf: Die Verquickung der eigenen Musiktradition mit ziemlich trocken gegerbtem Hard Rock geht auf. Und hat bereits ein breites Interesse hervorrufen können, – das selbst diejenigen verblüfft, welche The HU (in Form von Konzerten und dem nun vorliegenden Tonträger) in westliche Gefilde geleiteten. Bass erstaunt muss man sich jedoch nicht geben, so sich die Eigenwilligkeit des „Hunno Rock“ aus Ulan Bator doch tüchtig wie die Wildsau an der an der stolzen Eiche des okzidental Bekannten reibt. Sollte hier noch jemand nicht vom Phänomen The HU erfasst worden sein? Dann empfiehlt sich ein herausragender Track wie Yuve Yuve Yuve nur bedingt zum Einstieg. Denn diese Mischung aus Rammstein (?) und Bluegrass-Country (!) könnte tatsächlich zu einer Infragestellung (oder Bekräftigung) der Hörgewohnheiten führen. So oder so: Auf gar keinen Fall handelt es sich bei The HU um ein Kalkül des Sonderbaren. Vielmehr um eine veritable Bereicherung einer an Monokulturen überreich bestückten (musikalischen) Flora und Fauna.

facebook.com/thehuofficial

Johannes Motschmann: „Lifestream“ (Neue Meister/Edel Kultur)

Johannes Motschmann – Lifestream (Neue Meister/Edel Kultur)
Alles was wächst, gedeiht. Alles was gedeiht, vergeht. Alles was vergeht, schließt Kreise. Schaltkreise und Synapsen. Und der zeitliche Rahmen wird aufgegliedert, aufgesprengt. Nur um das modular-molekular aufgesplittert Bewegte erneut dem währenden Spiel ohne Grenzen zu überlassen. Um den von Johannes Motschmann entfachten Lifestream nachzuvollziehen, bedarf es indes nicht unbedingt dem sich versichernden Rekurs auf einen axiomatischen Zeitbegriff nach Edmund Husserl. Es genügt voll und ganz, sich der immersiven Drift nicht zu verweigern. Denn jegliche akademisch-analytische Standhaftigkeit, mit der man dem Schaffen des Berliners bislang noch gerne beikommen wollte, verpufft angesichts eines en detail kohärenten Werks, das mal anheimelnd zart, mal sehr bestimmt Schneisen ins (Unter-) Bewusstsein des Hörers schlägt. Merke: Bewusstseinsströme sind nun einmal nur Teil eines nicht einzugrenzenden Ganzen.

johannes-motschmann.de

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