Heterogene Versatzstücke in einer Komposition

Puzzleteile formen ein Ganzes

Orm Finnendahls Versatzstücke für Klavier und Zuspielband aus dem Jahr 2014 beleuchten auf unterschiedliche Weise wie im Experiment das Verhältnis vom Individuum zur Maschine, zur Elektronik und umgekehrt, wobei verschiedene Techniken am Instrument unter Einbezug von Improvisation erprobt werden. Heterogenität bei Potpourris zum Beispiel bezeichnet etwas völlig Anderes: Hier werden Elemente aus unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen mehr oder weniger willkürlich in einem Satz zusammengeführt. Solche musikalischen „Eintöpfe“ oder die Ensaladas im spanischen Sprachraum waren seit dem 17. Jahrhundert im Sinn der bunten Abfolge von Melodie(fragment)en verschiedener Herkunft äußerst populär.

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Musikalische Werke sind häufig Puzzles, die bewusst Heterogenes zusammenfügen, also keineswegs ein einheitliches Bild ergeben (Logo der ‚World classic in Ukrainian‘, A1, 7.2.216, CC-Liz.).

Potpourris dienten in den kommenden Jahrhunderten trotz ihrer ursprünglichen Situierung in der höfischen getanzten Suite überwiegend der (symphonischen) Unterhaltungsmusik. Die Kombination heterogener Melodien und Texte reicht freilich viel weiter zurück als es auf den ersten Blick aussieht, denn schließlich begründet sich das (vokale) Quodlibet auf einer bereits im Mittelalter geübten Praxis. Im späteren Glogauer Liederbuch etwa findet sich die höchste Stimme von Dunstables O rosa bella mit einem durch Liedzitate geleiteten Tenor und einem frei komponierten Contratenor zusammengesetzt. W.A. Mozart nutzte solche Kombinatorik schließlich im ganz humoristischen (Un-)Sinn, während in Renaissance und Barock noch der Aspekt artifizieller Satztechnik dominierte. Ein Sonderfall bleibt die alte Praxis der Kontrafaktur, in der einer vorhandenen geistlichen Melodie ein neuer, weltlicher Text untergeschoben wurde – oder vice versa.

‚Quodlibet‘ – was jeder Stimme im Orchester beliebt: Aquarell von Marcelle Virgence (p.d.)

In der „Moderne“ des 20. und 21. Jahrhunderts bedienen sich Komponisten am eigenen Werk, verwenden bisher nicht genutzte Ideenfragmente, um sie zu „mischen“ – selbst in der musikalischen Analyse kaum durchschaubar, solange sich der Tonschöpfer nicht selbst dazu „bekennt“. Es ist ziemlich häufig der Fall, beispielsweise wenn keine logische Sukzession des Materials vorliegt, klassische Modelle wie Fortspinnung, Themenentwicklung oder serielle Technik also nahezu, wenn nicht komplett aufgegeben wurden, Zusammenhänge vor dem Zuhörer bewusst verrätselt sind – studierbar unter höchst zahlreichen anderen an Kompositionen wie Gustav Mahlers 1. Symphonie, am Werk Witold Lutosławskis, Krzysztof Pendereckis oder Olga Neuwirths. Im Jazz selbstverständlich werden in der Weltmusik seit langem gerne Merkmale diverser (ethnischer) Herkunft miteinander kombiniert.

The Enigmatic Scale: Music as a puzzle

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.