Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LX

In einem Werk: Folklore, barocker Kontrapunkt und Serialismus

Nach Brasilien kehrte er, obwohl aus Italien stammend und später lange in Uruguay lebend, immer wieder zurück: Guido Santórsola, studierter Geiger, Bratschist und Pianist, sah seine Wurzeln in der auch folkloristisch, im 19. Jahrhundert vor allem aber von europäischen Formen bestimmten Kunstmusik seines Landes. Beim schieren Umfang seines Gesamtwerks ist es eher zu bedauern, dass sein Name jenseits des „sechsten Kontinents“ bis jetzt noch keine angemessene Rezeption gefunden hat.

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Der Gitarrist Antonio Rugolo spielte unter anderen seiner Werke Guido Santórsolas‘ (1904 – 1994) Sonate Nr. 5 ‚Brasileira‘ ein (ASIN: B00BP43COQ, Stradivarius 2013).

Ein Schwerpunkt seines Schaffens als Komponist neben seinen großen Aufgaben als Dirigent lag auf unübersehbar vielseitiger solistischer Musik für Gitarre, zusätzlich spielt bei sechs konzertanten Werken für Orchester das Instrument eine dominierende Rolle. In ihnen spiegelt sich der Geist des barocken Kontrapunkts, wofür seine Suiten für mehrere Gitarren Zeugnis ablegen, während Santórsola auf der anderen Seite traditionale Formen der Volksmusik Brasiliens aufgriff, etwa im noch zur Frühzeit seines Schaffens zählenden Valsa-chôro von 1960, im Vals romántico (1944) oder in der Sonate Nr. 5 Brasileira (1981). Auch serielle Satzweisen der Dodekaphonie haben Spuren in seinem Werk hinterlassen.

Seine selbstständigen symphonischen Stücke gehen in ihrem Charakter häufig auf den Unterricht und auf bereits länger verankerte Formen wie Preludio und Fuga zurück. Selten widmete er einem Titel sein Programm wie in der sehr grühen Orchesterkomposition Saudade. Wegen der unterschiedlichen Aufführungsmöglichkeiten bevorzugte er in anderen Fällen häufig den Satz für Kammerorchesterbesetzung. In den Konzerten wird gelegentlich mit alternativen Kombinationen experimentiert: So schrieb Santórsola in seiner uruguayanischen Epoche ein Doppelkonzert für Gitarre und Cembalo (1973) und 2 Imágenes sonoras für Viola d’amore (eines seiner Instrumente!), Streicher und Celesta. Zum Instrumentalunterricht ebenso wie zur musikalischen Analyse im Rahmen seiner Lehre publizierte er wichtige Handbücher.

Per Olov Kindgren spielt Preludio aus Guido Santórsolas Suite Antiga.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.