Weißrussland - ohne Wiener Klassik?

Ein selten fokussiertes Musikterritorium

Im Raum des heutigen Weißrussland gehen Aufzeichnungen von Musik zwar nicht so weit wie in Frankreich, aber doch bis die Umbruchszeit zur Renaissance zurück. Überliefert in Neumennotation ist das von der orthodoxen Kirche verwendete Lied znamenny, zurückgehend auf „znamy“, was soviel wie „Zeichen“ oder einfach nur Neume als Symbol für den hörbaren Einzelton bedeutet. In der Barockzeit setzte sich der mehrstimmige Gesang in Chören durch, zur selben zeit etablierten sich bedeutende Theaterbetriebe in Minsk und Vitebsk.

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Das Orchester des Opern- und Ballett-Theaters Minsk gibt in der Hauptstadt den Kulturtakt vor (Pjotr Mahhonin, 12.5.2014, CC-Liz.).

Angesichts der sehr reichen folkloristischen Tradition verwundert es nicht, dass Kunstmusik im strengeren Sinn außerhalb der Kirche nur eine Nischenposition einnahm. Die Dominanz der russischen geistlichen Musik auch in den westlichen Nachbarstaaten des Zarenreichs erschwerte, waren jene nicht ohnehin „einverleibt“, die Entwicklung einer eigenen Kunstmusik, die natürlich existierte und nicht nur Westeuropäisches kopierte.

Eine verzierte Balalaika ist auch im Gebrauch der Familie Regel aus Weißrussland (Andreas Gronski, Hamburg 2004, GNU Free Doc. Lic.).

Hier ist ein riesiger Schatz zu heben und Veröffentlichungen aus der Entdeckung der höchst umfangreichen russischen Werke für Gitarre in der Zeit der Frühklassik bildet erst den Anfang. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich in Weißrussland eine für alle denkbaren Stile offene Moderne durch, begonnen mit Mikalaj Tschurkin (1869 – 1964) über den großenteils unter Sowjetherrschaft arbeitenden Symphoniker, Film- und Kammermusikkomponisten Anatol Bahatyrou (1913 – 2003) bis zur jüngeren Generation Aleh Chadoskas (* 1964).

Beachtung findet seit längerem aufgrund ihrer Tourneen durch Westeuropa die Musikerfamilie Regel aus Minsk, die mit einem sehr charakteristischen Ensemble aus Balalaika, Klarinette und Klavier aufwartet – hierzulande unter anderem in Heidenrod bei Wiesbaden und protestantischen Kirchengemeinden Baden-Württembergs.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.