Portrayal Of Guilt Deafheaven, Touché Amoré Köln, Carlswerk Victoria, 07.10.2019

Aktenzeichen Tripolar Ungelöst

George Clake / Deafheaven (Stephan Wolf)

Die große Frage des Abends in der (bei einem Fassungsvermögen von 1.600 Besuchern) gut zur Hälfte gefüllten Carlswerk Victoria-Halle zu Köln-Mülheim, bleibt unbeantwortet. Nämlich, ob die auf dem Papier doch recht gewagte Kombination aus Blackgaze (Deafheaven) und Post Hardcore (Touché Amouré) in der Praxis funktioniert. Oder ob die Fronten zwischen den beiden Sub-Zielgruppen verhärtet bleiben. Und sozusagen zwei Konzerte in idealtypischer Manier unabhängig voneinander stattfinden, – die das Publikum nicht vereinen kann. Da wir aber die Antwort nicht schuldig bleiben wollen, plädieren wir für ein klares Unentschieden.

Doch zunächst ist es an Portrayal Of Guilt aus Austin, Texas, jedwede Laune zu stimulieren. Auf Trio-Format geschrumpft, könnte man den Sound der – zumindest äußerlich noch sehr juvenil wirkenden – Band um Sänger und Gitarrist Matt King als Kompromiss zwischen den beiden Co-Headlinern deuten. Geradlinigkeit trifft auf komplexe Einschübe, eine klare Genre-Zuordnung bleibt außen vor, wenngleich die Band in ihrer Heimat vornehmlich als Protagonisten einer Screamo-Renaissance rezipiert wird. Nun denn.

Matt King / Portrayal Of Guilt (Stephan Wolf)

Portrayal Of Guilt schlagen sich ausgesprochen wacker. Insbesondere Drummer James Beveridge macht schwer was her. Auch wenn er angesichts einiger – bravourös gemeisterten – rhythmisch vertrackten Passagen den Eindruck erweckt, über weite Strecken latent unterfordert zu sein. Hingegen erweist sich Matt King in einer ihm angemessenen Form als Herr der Lage. Und doch nisten sich jene Passagen am ehesten ins Gedächtnis ein, die entfernt an Großmeister der fiesen Breaks und Verschleppungen vom Schlage Car Bomb erinnern.

Den Ruch der stilistischen Selbstsuche haben Deafheaven hingegen längst abgestreift. So überrascht das Quintett um die erklärte Rampensau George Clarke zum Einstieg mit ihrem neuesten Song (Black Brick), der auf „gazige“ Elemente nahezu komplett verzichtet. Und stattdessen – schon mal pro forma – das volle Brett auffährt. Vielleicht auch, um die anwesende Hardcore-Fraktion für sich zu gewinnen. Ob dies gelingt? Siehe oben.

Deafheaven (Stephan Wolf)

Anschließend zocken die Kalifornier ihr bewährtes Brett, auf das sie geradezu ein Patent besitzen. Wie kaum eine andere Band verstehen sich Deafheaven darauf, präzise dosierte Gewalt mit sphärischen Aromen zu versehen. Man gibt sich keinerlei Blöße, so auch die Intensität ihres letzten Gastspiels zu Köln nicht ganz erreicht wird. Was wiederum auch auf die zweigeteilte Publikumsstruktur zurückzuführen sein könnte.

Touché Amoré lassen sich indes nichts anmerken. Nicht im Geringsten, denn schließlich setzen Jeremy Bolm und Co. – anlässlich seines zehnten Jubiläums zunächst – voll und ganz auf die komplette Rekapitulation ihres Erstwerks To The Beat Of A Dead Horse (unlängst als Dead Horse X neu aufgelegt). Da ist die Stimmung im Pulk sogleich auf dem Siedepunkt, der Moshpit wird eröffnet, die Party läuft ohne Anlaufzeit auf Hochtouren.

Touchè Amoré (Stephan Wolf)

Auch im zweiten Teil, der einen Querschnitt aus dem Schaffen der Band bietet, bleibt kein Bandshirt trocken. Und doch lassen sich allein schon anhand der hier nun kaum mehr originellen Beschreibung der Ereignisse Aspekte eines gewissen Manko ablesen. Namentlich Berechenbarkeit und (durchaus sachdienliche) Routine – oder sie lassen zumindest durchscheinen, zu welcher „Partei“ der Autor dieser Zeilen an diesem Abend mehr als nur tendiert. Insgesamt betrachtet, bleibt jedoch klar festzuhalten, dass es sich um einen hochwertigen Abend gehandelt hat, dessen riskantes Chassis das Zeug dazu besaß, für die ein oder andere Erkenntnis beim Blick über den individuellen Tellerrand zu sorgen.

Live at Saint Vitus Bar – Full Set – (Betrayal Of Guilt):
youtube.com/watch?v=H_d3LEOqyAI

Black Brick – LIVE (Deafheaven):
youtube.com/watch?v=u9QJo5fBADE

Deflector (Touché Amoré):
youtube.com/watch?v=d14ZN3ZS7B4

Heute München (Backstage Werk)
09.10. CH-Zürich (Rote Fabrik)

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