Amusio Assessment Center (17)

Herbstzeitlostrommeln

Sons Of Alpha Centauri: „Buried Memories“ (H42 Records/Broken Silence)

Sons Of Alpha Centauri – Buried Memories (H42 Records/Broken Silence)
In der zweiten Episode der mit Continuum im vergangenen Jahr angetretenen Postrock-Voyage offerieren die SOAC überraschenderweise (Re-)Mixe: je derer drei von Justin Broadrick (Godflesh, Jesu) und James Plotkin (Khanate, Jodis). Dabei gibt es den Track Hitmen gleich dreifach. Und nun das noch Erstaunlichere: Die (neuen) Versionen differieren so dermaßen voneinander, dass sich keinerlei Wiederholungseffekte bemerkbar machen. Selten zuvor ist es einer Band gelungen, ein konzeptionell vergleichbares Album so eigenständig und abwechslungsreich klingen zu lassen. Insbesondere wenn die eher monströsen Elemente hinter musikalischen Ausweichmanövern der eher entrückten Art zurücktreten, geraten die Buried Moments zu einer Klangkunst, an die man sich nur allzu gern erinnert.

facebook.com/sonsofalphacentauri

Lingua Nada: „Djinn“ (Kapitän Platte/Cargo)

Lingua Nada – Djinn (Kapitän Platte/Cargo)
Nicht minder erinnerungswürdig (wenngleich auch deutlich fordernder): Das Leipziger Trio Lingua Nada, das uns nach Snuff nun Djinn (Tonic?!) serviert. Die „Math-Band“ mit Dyskalkulie zieht vordergründig Reigen auf Reigen durch. Doch in (sehr wohl unverrückbarer) Wahrheit lassen Adam Lenox und Kollegen die Dinge am liebsten parallel geschehen. Oder legen zumindest den Verdacht eines mehrfach vertikal geschichteten Komponierens und Ausübens nahe. Und somit, nicht zuletzt, den Vergleich mit einem begnadeten Geschichtenerzähler, der es versteht, seine Pointen zu verdoppeln, indem er sie verdreifacht. Eine sehr launige, ja geradezu lustige Angelegenheit, wären da nicht die Texte, mit denen hin und wieder (und zu alledem) die Grenzen zum Pathos nicht nur gestreift werden. Was zu einer weiteren Irritation des Ganzen führt.

facebook.com/linguanada

Blindzeile: „Bewegung“ (Poisonic/Altone)

Blindzeile – Bewegung (Poisonic/Suisa/Altone)
Irritation? Höchstens ob der baren Freude an Bewegung. Denn mit klug gewählten Formen vornehmer Zurückhaltung erinnert die schweizerische Formation um David Pümpin auf ihrem zweiten Album von ungefähr an eine Melange aus der neo-folkigen Empfindsamkeit von Forseti und dem himmelwärts drängenden Dreampop der Marble Giants. Und klingt dabei noch besser als dieser – zugegeben – gewagte Vergleich nahelegt. Behutsam und sanft zwingen Blindzeile zu einer Aufmerksamkeit, die sich mit herzhaften Seufzern auszahlt. Ein Herbst-Album par excellence.

facebook.com/blindzeile

Sandro Perri: „Soft Landing“ (Constellation Records)

Sandro Perri – Soft Landing (Constellation Records)
Ähnliche Wellness-Erlebnisse löst das fünfte Album des Kanadiers unter eigenem Namen aus. Wenngleich nicht in streng gefasster Liedform. Sondern eher mit einer leicht hippiesken Emphase, die insbesondere beim 16-minütigen Opener Time (You Got Me) an Popul Vuh und Konsorten gemahnt. Später gesellen sich Assoziationen zu Pekka Pohjola oder auch dem frühen Carlos Santana hinzu, bevor selbst angeschrägter Indie-Pop mit leicht jazzigem Einschlag heraufbeschworen wird. Diese Orientierungshilfe vermag es jedoch kaum die Leichtigkeit zu beschreiben, mit der sich Sandro Perri seinen musikalischen Sujets widmet. Das Eklektizistische gerät ihm sozusagen zur Selbstverständlichkeit. Was für ein sympathischer Traum, der schwingend nachwirkt, – ohne es nötig zu haben, zuvor in Wallung geraten zu sein!

facebook.com/sandroperrimusic

HXXS: „Year Of The Witch“ (Captured Tracks)

HXXS – Year Of The Witch (Captured Tracks)
Aufgewacht! Jeannie Colleene und Gavin Neves rütteln mit loop-basierten Electro-Beats und stimmlicher Exaltation am Zahn der Zeit. Zwar gelingt es (auch) ihnen nicht, diesen zu ziehen. Doch der hyperaktive Duktus ihres überwiegend unterwegs entstandenen Albums enerviert – und sensibilisiert gleichermaßen für jene Schräglagen, auf denen wir allesamt abzurutschen drohen. Wer zu Year Of The Witch noch zu tanzen vermag, befindet sich vermutlich auf dem richtigen Weg. Wohin auch immer dieser führen mag. HXXS erklären schon mal ihre perspektivische Sicht. Und diese lässt kaum noch Ausflüchte zu. Man beliebt so etwas „dringlich“ zu schimpfen. Oder als nervös (machend) zu würdigen. Ein hinsichtlich seiner Beschaffenheit ziemlich unkalkulierbarer Brocken von Album. Mitunter im besten Sinne dröge, dann wieder aufpeitschend appellativ. Applaus!

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Sky Burial: „The Forcing Season: Further Acts Of Severance“ (Opa Loka Records)

Sky Burial – The Forcing Season: Further Acts Of Severance (Opa Loka Records)
Diesen verdient sich auch Michael Page für sein nunmehr sechzehntes Album als Sky Burial (das dieser Tage auch im Doppelpack mit der Scheibe Thought & Memory erhältlich ist). Als Ästhet des Unheilschwangeren versteht es der Klangkünstler aus Massachusetts immer wieder aufs Neue, emotionale Gewaltenteilung als ein Erbeben sämtlicher Katasterämter neuronaler Defizite spürbar zu machen. Entitäten geraten ins Wanken, wenn Sky Burial Zweifel schürt und innere Zwietracht streut. So gerne man sich vielleicht auch „einfach nur so“ auf seine detailreichen ausgestatteten Klanggebilde einlassen möchte: Ständig grüßt aus der Subebene ein Grollen, mit dem jede Anwandlung von Easy Listening im Keim erstickt wird. Konsequent richtig und richtig gut.

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Morphlexis: „Borrowed Songs“ (Schwarz Neon Licht Records/Bandcamp)

Morphlexis – Borrowed Songs (Schwarz Neon Licht Records/Bandcamp)
Der Israeli Benjamin Esterlis (auch als Van Der Blüte tätig) versammelt auf Borrowed Songs acht eigentümliche Coverversionen von Leonard Cohen (Hey, That’s No Way To Say Goodbye), Joy Division (Candidate) oder Tom Waits („Blue Valentines“), um nur um die drei vielleicht prominentesten Vorlagengeber zu nennen. Dass sich Morphlexis hierbei vornehmlich seiner Muttersprache (dem Hebräischen) bedient, ist eine weitere Zutat, mit der er seine aus diversen Schaffensphasen destillierte Auswahl schmackhaft macht. Für Nachtmenschen, die ihre Sterne nicht immer nur hauseigenen Firmament betrachten wollen, eine feine Gelegenheit. Wenn auch nur sehr bedingt mit vorgeblich „exotischen“ Aromen.

facebook.com/Morphlexis

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