2. Symphoniekonzert der Saison am Theater Erfurt

Ohne melancholisches Schwergewicht

Lediglich den Melodielinien in Henryk Wieniawskis 2. Violinkonzert d-Moll kann eine gewisse Schwermut attestiert werden, ansonsten war sie dank des Einsatzes von Valery Voronin, Intendant und Chefdirigent am südrussischen Opern- und Ballettheater von Astrachan, und des immer wieder seidig-leichtfüßig musizierenden Philharmonischen Orchesters Erfurt wie weggeblasen! Vielmehr dominierte in der Aufführung vom Donnerstagabend die Strukturanalyse der höchst unterhaltsamen Partitur.

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Veriko Tchumburidze bei einem Auftritt in der Türkei am 8. Dezember 2016 (Aralik, Bursa, Basak, CC-Liz.)

Das einfühlsame Spiel der georgischen, in der Türkei aufgewachsenen und ausgebildeten Solistin Veriko Tchumburidze hielt die Teile des überaus einfallsreichen Konzerts ebenso durchdacht wie energiegetragen zusammen. Anders als in der überwiegend praktizierten Form der „Gattung“ Violinkonzert im 19. Jahrhunderts gibt es im ersten Satz, hier einem Allegro moderato, am Ende keine Solokadenz der Violinistin, stattdessen leitet ein angriffslustiges Klarinettensolo zum 2. Satz, als Romanze bezeichnet, über. Im Mittelteil übernimmt die Geige die Führung, das Orchester erzeugt in der Wiederholung gewissermaßen den Nachhall. Im „ruhigen“ Rondo erfolgt eine Allusion auf das Seitenthema des ersten Satzes, der Schlusssatz mit den Tempi Allegro con fuoco und moderato ist als Besonderheit charakterisiert von der Spielweise in leidenschaftlicher Zigeunermanier à la Zingara. Valery Voronin wurde dem sehr eigenen und facettenreichen Charakter dieser Komposition – ebenso wie Solistin Veriko Tchumburidze – in jeder Hinsicht, ohne jegliche Überspitzung gerecht.

Der aus dem damals zaristischen Lublin stammende polnische Stargeiger und Komponist Henryk Wieniawski (1835 – 1880) schrieb um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwei außergewöhnliche Violinkonzerte (Pol. p.d.).

Wieniawskis Konzert gegenüber wirkte freilich die anfängliche Ouvertüre zur „Großen romantischen Feenoper“ Carl Maria von Webers, Oberon, etwas brav und gezähmt, ganz passend vielleicht zu ihrer Stellung zwischen dem Musikdrama der Wiener Klassik und der frühromantischen Oper, der mit dem Freischütz schließlich derselbe Urheber schon zuvor zu ihrem ersten triumphalen Erfolg verholfen hatte.

Für Schuberts Sinfonie Nr. 5 B-Dur, zehn Jahre vor Webers Feenoper entstanden, hielt Voronin den Ball in den ersten drei Sätzen deutlich flacher als im Wieniawski-Konzert. Der vierte Satz, das massenmedial bestens vertraute Allegro vivace, fiel erwartungsgemäß in seiner ganzen dynamischen Spannweite und eher deutlichen Zäsuren auf.

Am Theater Erfurt sind am 10. und 11. Oktober 2019 die weitgereiste Solistin Veriko Tchumburidze und der russische Dirigent Valery Voronin zu Gast (Andreas Praefcke, Mai 2006, GNU Free Doc. Lic.).

Die Zurückhaltung im Allegro, dem Andante con moto und selbst dem Menuetto mochte der klassischen Bodenhaftung dieser Symphonie geschuldet gewesen sein. Hervorzuheben wären an diesem Abend insonderheit die durchgehend von edlem Schönklang geprägten Einsätze der Klarinetten, der Oboen und der Blechbläser im Philharmonischen Orchester Erfurt, das wiederum durch die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach ergänzt wurde.

Spielplan des Theaters Erfurt

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.