Britanniens erste komische Oper

Zu Lasten des dritten Standes?

Der Ernst der Lage ist zu groß, sonst könnte man auf die Idee kommen, die derzeitige Ring-Aufführung in der … Street für die erste Abende füllende (Seifen-)Oper eines europäischen Inselkontinents zu halten, doch Sch(m)erz beiseite: Tatsächlich kam die allererste „lustige“ Oper 1728 mit einem Paukenschlag im Lincoln’s Inn Fields Theatre Londons zur Welt, wobei der literarische Wurf des Librettos durch John Gay weit höher gewichtet wurde als das musikalische Arrangement durch Johann Christoph Pepusch.

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Der Maler William Hogarth verewigte die Aufführung von ‚The Beggar’s Opera‘ im Jahr ihrer Premiere (1728, GB p.d.).

Die Rede ist natürlich von The Beggar’s Opera, zu welcher der Maler William Hogarth mit seinem Gemälde aus demselben Jahr quasi das Premierenfoto schoss. Mit dem Abend der Uraufführung rückte der Autor in den Parnass des Augusteischen Zeitalters Großbritanniens auf. Zur Erinnerung sei die Handlung, komplett auf der Ebene des so genannten dritten Standes situiert, umrissen: Peachum und seine Kumpane sind selbstverständlich alle Kriminelle, Polly, die Tochter des Hehlers, soll sich mit dem Wegelagerer Macheath liiert haben, worüber der Vater natürlich entsetzt ist und den als Frauenheld Verrufenen mit dem Tod bedroht. Im Gefängnis umgarnt Macheath Lucy, die Tochter des Gefängniswärters; als Polly auftaucht, gibt es wie abzusehen Streit zwischen den Frauen. Lucys Vater Lockit und Peachum verbünden sich, nachdem Macheath entkommen ist, um ihn endgültig am Galgen zu sehen. In letzter Minute wird der Verurteilte freigesprochen, dem Publikum des komischen Musikdramas wird das Happy End damit gewährt.

Beim Verleger John Watts erschien noch im Jahr der Erstveröffentlichung diese 3. Ausgabe von ‚The Beggar’s Opera‘ mit Text und Melodie (Victoria and Albert Museum London, 1728, Andreas Praefcke, Juni 2011, GB p.d.).

Einmal abgesehen von den erhabenen Vorstellungen der beiden höheren Klassen in der Gesellschaftspyramide, der dritte Stand rekrutiere sich erstens aus Prostituierten, zweitens aus allzeit alkoholisierten Verbrechern, die sich gegenseitig ans Messer liefern, sind Stereotypen des Schauspiels auch in musikalischer Hinsicht von Stereotypen geleitet. Von den in Potpourri-Manier zusammengestellten auskomponierten Liedern und anderen Gesangsstücken, deren Gebrauch der Bevölkerung Englands „am unteren Rand“ zugeschrieben wird, ist keine vollständige Partitur erhalten, lediglich die Ausharmonisierung der Generalbasslinie unter den Melodien liegt heute noch vor.

Von Johann Christoph Pepuschs Feder als regelrechter Komponist selbst rührt nur die Ouvertüre des Schlagzeilen machenden Werks her. Mit 69 (!) Airs populärer Provenienz muss die erste komische Oper der britischen Musikgeschichte ein gewaltiges Unterfangen gewesen sein, eine „Ring“-Inszenierung von dionysischer Seite gewissermaßen, auch wenn sie zu Lasten des Bildes vom realen „dritten Stand“ ging, ein riesiger Erfolg immerhin für ihren Librettisten …

Auszüge aus der Oper

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.