Auftakt zum Schleswig-Holstein Musik Festival sprengt Grenzen & bewegt baltisch: „Never Ignore the Cosmic Ocean!“

Das Auftaktkonzert zum diesjährigen Länderschwerpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) überwand mit leidenschaftlicher Spielfreude gleich viele Grenzen: absolut selbstverständlich zwischen den drei Ländern des Baltikums und ebenso zwischen den Musikgenres. Tosender Applaus löste zudem auch die Grenze zwischen den Musikern und dem Publikum fast auf – im Kieler Schloss startete damit das weltbekannte Klassikfestival begeisternd und vielversprechend für ein vielfältiges Programm in den nächsten Wochen.

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Die drei Fahnen von Estland, Lettland und Litauen wehen im frischen Wind vom Meer vor dem Konzertsaal und dieser „baltische Dreiklang“, wie ihn der Intendant des Festivals Prof. Rolf Beck bezeichnet, zieht sich durch alle Bereiche des Konzertes.

Mit frischem Wind der Ostsee: das Baltic Youth Philharmonic. Foto: Monika Lawrenz.

Mit frischem Wind der Ostsee: das Baltic Youth Philharmonic. Foto: Monika Lawrenz.

So spielen in einem spritzig-frisch interpretierten Doppelkonzert von Johannes Brahms (a-moll, op. 102) die lettische Geigerin Baiba Skribe und der litauische Cellist Edvardas Armonas unter Leitung des jugendlich und äußerst mitreißend dirigierenden Esten Kristjan Järvi. Das Baltic Youth Philharmonic (BYP) als junges Sinfonieorchester überwindet noch mehr Grenzen: in ihm spielen talentierte Musiker von Hochschulen des gesamten Ostseeraumes zusammen. Die 18 – 30 Jährigen haben sich seit der Orchestergründung 2008 zur „New voice oft the North“ entwickelt.

Mit der sinfonischen Dichtung „Don Juan“ von Richard Strauß begann das Konzert. Das Werk wurde mit einer oftmals geradezu humoresk extremen Dynamik vom sehr spielfreudigen Orchester angenehm augenzwinkernd gespielt und das fast tänzerische Dirigat von Järvi kündigte schon an, dass er und sein Orchester auch gerne in modernere und rockigere Musik eintauchen wollen.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig hatte bereits in seiner Eröffnungsrede keine Bedenken, dass verstaubte Routine aufkommen könnte und stellte die gesamte Programmwahl des Musikfestivals dem „bedächtigen“ Planen des bayrischen Komponisten entgegen: „Richard Strauss schrieb für seine zahlreichen Einladungen zu Festen einen „Partyplaner“, damit niemand etwas zweimal bekam. Das SHMF braucht keinen Partyplaner – da wiederholt sich nichts durch den Wechsel von Länderschwerpunkten.“ Albig betonte die große und erfolgreich grenzensprengende Kraft des Baltikums, zu deren „singender Revolution“ vor 25 Jahren er bekennt: „Wir waren tief bewegt, was sie für die Demokratie in Europa geleistet haben!“

Wie großartig das Baltikum die Musikkultur bereichert zeigte das Orchester eindrucksvoll im weiteren Programm: in dem Orchesterstück „Never Ignore the Cosmic Ocean“ des im Konzert anwesenden und gefeierten Komponisten Gediminas Gelgotas aus Litauen fließen durch Sprechgesang der Orchestermusiker neben der komplex-fragilen Musik auch Texte wie die des Titels und weiterer tiefsinniger Botschaften ein.

Absolut ergreifend dann ein brodelndes Chaos in der 3. Symphonie des Esten Erkki-Sven Tüür. Es fesselte rund eine halbe Stunde lang durch spannungsreiche Wechsel zwischen Tonalität und Atonalität und Passagen mit fantastischsten Rhythmen und anderen mit einem fast schon körperlich schwer ertragbaren Überlagern verschiedener Rhythmen bis zum völligen Chaos.

Intendant und Ministerpräsident hatten bereits am Anfang auf die entscheidende Rolle auch des vielseitig interessierten Publikums hingewiesen. Hier zeigte es seine große Qualität und folgte dem äußerst komplexen zeitgenössischen Werk mit höchster Konzentration – auch dies eine begeisternde Leistung.

Bedankte sich aus diesem Grund das Orchester nach dem ersten Satz aus Imants Kalninš „Rock Symphony“ beim Publikum noch mit drei weiteren rockig-peppigen Zugaben? Vielleicht war es aber auch die pure Spielfreude, denn nach den deutschen Werken des Anfangs spielten sie sich bei den baltischen Stücken geradezu in einen Musikrausch, der die Grenze zum Publikum im Kieler Schloss mühelos überwand.
Standing Ovations und jubelnder Applaus lassen vermutlich sowohl Musiker als auch Publikum äußerst erwartungsvoll in die nächsten Wochen des Musikfestivals gehen.

Zum Programm

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Über Matthias Berg

"Startphase" mit Praktikum bei der taz und Studium in Hamburg & Bonn (Geographie & Journalistik). Arbeitet freiberuflich in Kiel und kreuzt dabei leidenschaftlich gerne mit Cello oder Segelschiff über Musik- & Meereswellen.