Amusio Assessment Center (19)

Headline Knockout

Jo Berger Myhre & Ólafur Björn Ólafsson : „Lanzarote“ (Hubro)

Jo Berger Myhre & Ólafur Björn Ólafsson – Lanzarote (Hubro)
Trotz ihres schlichtweg überfordernden Outputs ist es mal wieder an der Zeit, Neues von der Eule (Hubro), dem Spezial-Label für norwegische Avantgarde, in diesem Magazin hervorzuheben. So etwa anhand des vielversprechende Assoziationen aufrufend betitelten Zweitlings von Jo Berger Myhre und Ólafur Björn Ólafsson, die auf der Basis von Piano, Keys und Bass, um Trompete, Klarinette, Tuba und Perkussion punktuell ergänzt, tief schürfende Klangbilder erschaffen, die sich nicht nur der kanarischen Vulkanlandschaft verdanken. So spielen auch die diversen Querverbindungen zu Lanzarote im Werk von Michel Houellebecq eine inspirative Rolle. Oder die Trauer um den so plötzlich verstorbenen Jóhann Jóhannsson, mit dem das Duo recht eng befreundet war. Zwei Hinweise, die genügen mögen, um das teils tröstliche, teils verstörende emotionale Element dieses wertvollen Albums anzudeuten.

facebook.com/jo.b.myhre

Frode Haltli: „Border Woods“ (Hubro)

Frode Haltli – Border Woods (Hubro)
Nur auf dem ersten Blick deutlich weniger herzerwärmend geht es auf dem Nachfolger des Frode Haltli-Albums Avant Folk zu. In noch abgespeckterer Form sucht der Akkordeonist erneut nach einer gangbaren Konfrontation von tradiert norwegischen Folk-Partikeln mit zeitgenössischer Improvisationskunst. Dass es hierbei gilt, so manch schroffe Klippe zu umschiffen, ist wohl recht leicht vorstellbar. Weniger hingegen die einnehmende Beseeltheit des Experiments. Und wenn dann noch Emilia Amper ihre Nyckelharpa erklingen lässt, verzieht sich sogar die soeben noch angedeutete, nordische Kälte. Fortan wird munter aufgespielt, rhythmische Finessen und sogar Kaffeehaus-Atmosphäre inklusive. Bis der Ausklang von Border Woods wieder in jene eisigen Soundscapes abdriftet, mit denen das eigentümlich heitere Album bereits seinen in die Irre führenden Anfang nahm.

facebook.com/frodehaltlimusic

Simon Grab: „Posthuman Species“ (ous.ooo)

Simon Grab – Posthuman Species (ous.ooo)
Simon Grab? Oder doch eher Winston Tod?! Nur ein Scherz. Die Reduktion auf erstaunlich eindeutige Klänge gelingt dem helvetischen Sound-Magier. Vielleicht sogar noch eine Spur exakter als er sich diese Form der Bescheidenheit selbst auferlegt hat. Erratisches Quietschen wird zur Melodie, als liebliche Folter zum raschelnd atmenden Gebet zur umfänglichen Nacht. Repetitive Strukturen quasi als verführerisches Futter für Anspannung und Appetenz eingebaut, bleibt eine mitteilsame Leere, die weiß Gott nicht aus Fleisch und Blut gezeugt wurde. Verstörend, betörend. Aber gerecht.

facebook.com/simon.grab.33

 

John Chantler: „Tomorrow Is Too Late“ (Room40)

John Chantler – Tomorrow Is Too Late (Room40)
Ob und inwiefern Tomorrow Is Too Late das bis dato hochwertigste Album des kosmopolitisch orientierten Klangkünstlers darstellt (und somit Which Way To Leave in dieser Referenz-Funktion ablöst) – wer möchte das entscheiden? Die Autoren des „Waschzettels“ („intense harmonic saturation“, „a powerhouse of reductive intensity“)? Oder nur der Schöpfer selbst? Relativ sicher lässt sich nur konstatieren, dass die beiden enthaltenen Longtracks das größte klangliche Spektrum aufweisen, dessen sich John Chantler bis dato bedient hat. Und vielleicht auch aus diesem Grunde eine Art flirrende Nervosität aufweist, die Geduld und Muße ebenso einfordert wie den Willen, sich von den zahllosen Eindrücken, die Tomorrow Is Too Late hinterlässt, nicht ins Bockshorn des Unverstandenen jagen zu lassen.

facebook.com/johnbchantler

Yann Novak: “ Slowly Dismantling“ (Room40)

Yann Novak – Slowly Dismantling (Room40)
In den von ihm selbst verfassten Liner Notes schildert Yann Novak auf geradezu rührende Weise, wie er Slowly Dismantling die Geschichte seiner „Queerness“ nachzeichnet. So zeigt das Cover die Ruine des 1996 abgebrannten Zentrums der LGBTQ+-Community in Madison, Wisconsin. Er sei in jungen Jahren nur ein paar mal ein einem der dortigen Cafés gewesen, habe sich seitdem aber immer wieder gefragt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte das vernichtende Feuer nicht stattgefunden. Anschließend habe er sich mit der Queer-Kultur, die er der Anbiederung an den Mainstream zeiht, sehr schwer getan. Und erst nach und nach in der Musik ein Medium gefunden, um auf nahezu performative Art das Verhältnis von den Zuschreibungen seiner Umwelt sowie den transformativen Charakter seines Egos zu synthetisieren. Doch selbst ohne dieses Wissen bleibt ein subtil wirksames Album aus stark verdicheten Klangfeldern, welches selbst dem Außenstehenden das (nur scheinbar wohlige) Gefühl einer sich selbst stets aufs Neue hinterfragenden Melancholie vermittelt.

facebook.com/yann.b.novak

Still Und Dunkel: „Abandoned“ (Hallow Ground

Still Und Dunkel – Abandoned (Hallow Ground)
Das pulsierende Etwas brennt sich ins Magazin der modischen Lebensverfehlung. So mögen wir uns, die wir allein hören, die audio-visuelle Kunst der von Christoph Brünggel, Benny Jaberg und Pascal Arnold einmal vorstellen. Verstanden? Nein? Cold Meat Industry meets SPK. OK?! Dunkel ist es, still hingegen eben nicht. Ängste schürend. Ängste, die ohnehin eingepreist sind. Wohl am behaglichsten, da am kontrastreichsten, auf einer karibischen Insel zu genießen, umringt von warmen Wassern. Dabei das Nahen eines vernichtenden Wirbelsturms ignorierend, um die Ambivalenz jedweder Idylle zu provozieren. Handwerk mit kupfern-bitter gehopften Boden.

facebook.com/stillunddunkel

VA: “ On Corrosion“ (10-Kassetten-Boxset, The Helen Scarsdale Agency)

VA – On Corrosion (10-Kassetten-Boxset, The Helen Scarsdale Agency)
Fantastischer Sampler, bestehend aus sage und schreibe zehn Tapes, der nahelegt, wieso und warum hienieden gar alles aus dem Ruder laufen muss: Entfremdung trifft auf Entropie. Unter den zehn Top-Acts des Ungefähren befinden sich Kleistwahr, Neutral, Alice Kamp oder auch das allseits beliebte Fossil Aerosol Mining Project. Ein Schmuckstück, so auch die Gentrifizierung von Kultur und Dasein derlei Klänge kaum benötigt, um zu vergegenwärtigen, dass das Grande Finale noch eine Weile auf sich warten lässt. Allein die Gewissheit, das jener Tag kommen wird spricht für sich. Wie schon vor Jahrhunderten von Meister Eckhart (oder ein wenig danach von Meister Karl „Sir“ R. Popper) recht lustvoll beschworen. Und sei es auch nur in ein Taschentuch auf dem Weg in die Kochwäsche. Korrosion als Heilsversprechen? „I’d rather die in an aircrash, above the raging sea, than to be caught in myself, where’s no-one but me“, ward einst getextet. Eine „nette“ Gesellschaft bleibt dennoch Fiktion, Wunschdenken. Altbacken neu und altersbedingt zeitlos sondergleichen.

facebook.com/helenscarsdale

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