Amusio Assessment Center (20)

Abrupte Szenenwechsel

John Patrick Thomas / Pascal Schweren: „Null Infinity“ (Emrick Music/Broken Silence)

John Patrick Thomas / Pascal Schweren – Null Infinity (Emrick Music/Broken Silence)
Klaviermusik 1: Nach Missing Persons und Lost Landscapes erscheint mit Null Infinity das dritte Album mit Piano-Stücken des 1941 in Denver Colorado geborenen Komponisten und Countertenor John Patrick Thomas, der bereits seit etlichen Jahren in Deutschland tätig ist. Dabei hat er – wie schon auf Missing Persons – in dem Essener Pascal Schweren einen Pianisten gefunden, der es versteht, den drei auf enthaltenen Null Infinity Stücken – samt ihrer Kargheit – einen angemessen zurückhaltenden Duktus zu verleihen. Besagte Kargheit wird a priori nachvollziehbar, so man sich vor Augen führt, wie Black Paintings (von Kasimir Malewitch, Ad Reinhardt oder Agnes Martin) oder die White Paintings (der weißen Phase des Robert Rauschenberg) wohl klingen mögen. Aufgelockert wird das Programm von der bereits 2001 entstandenen Late Night Bar Music, deren Titel exakt beschreibt, was sie im Schilde führt. Wenn man auch nur zu gerne wüsste, in welchem Nachtlokal diese Musik zu vernehmen ist.

johnpatrickthomas-composer.com

Pyanook: „s/t“ (Neue Meister/Edel)

Pyanook – s/t (Neue Meister/Edel)
Klaviermusik 2: Der einschlägig renommierte Pianist, Komponist und Arrangeur Ralf Schmid (Herbie Hancock, Whitney Houston, Daniel Hope, Joo Kraus) läuft als Pyanook Gefahr, die Bedeutung der bei ihm hier erstmalig Verwendung findenden mi.mu-Gloves – die es ihm ermöglichen, den Klang seines Flügels in Form von (Hand-)Gesten in Echtzeit zu manipulieren (sic) – ein wenig überzustrapazieren. Denn während die technische Innovation im Rahmen eines Live-Events sicherlich für (auch) improvisiert neuartige Klang-Erfahrungen (sowie für optische Zusatzreize, Stichwort Synchronisation der Lichtsetzung von Pietro Cardarelli) sorgen dürften, treten derlei Mehrwerte „auf Platte“ naturgemäß hinter den im Studio fixierten Ergebnissen zurück. Hörern, denen die Relevanz der experimentellen Erweiterung des Klangspektrums kaum geläufig ist, werden sie als solche auch kaum vernehmen. Sondern vielmehr ein abwechslungsreich gestaltetes Neo-Klassik-Piano-Album, das statt der üblichen, repetitiven Simplifizierung mit einer unaufdringlichen Komplexität aufwartet. Und dennoch zur Ruhe kommen lässt, da es selbst – nach und nach – zur inneren Ruhe gelangt. Trotz oder wegen des Einsatzes von mi.mu-Gloves.

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Black Needle Noise: „Lost In Reflections“ (BNN Records)

Black Needle Noise – Lost In Reflections (BNN Records)
Produzenten-Legende John Fryer (This Mortal Coil, Cocteau Twins, NIN, Depeche Mode) knüpft mit seinem Projekt Black Needle Noise ziemlich unverfroren an jenem Sound an, den sein kaum weniger verdienter Kollege Rhys Fulber (vor allem mit Delerium und Conjure One) geprägt hat. So vernimmt man vollmundig auftretenden, klanglich immens dicht inszenierten Dream-Pop, der sein elektronisches Fundament mit zahlreichen „natürlichen“ Details wahlweise auflockert oder in die sensorisch erfahrbare Tiefe lockt. Hier sind vor allem die prominenten Stimmen zu nennen, welche jedem Track seinen eigentümlichen Charme verpassen: So etwa New-Gospel-Star Kendra Frost, die bereits bei This Mortal Coil involvierte Andrea Kerr, Frontline Assembly-Mastermind Bill Leeb oder – auf dem wohl stärksten Tracks des durchweg beeindruckenden Albums (Breathless Speechless) – Sivert Høyem. Hier schimmern auch mit am deutlichsten die Wurzeln aus der „guten alten Zeit“ durch, die vor lauter klanglicher Überfülle hin und wieder kaum noch zu vernehmen sind. Doch gerade diese Melange aus 80er-Hochmelancholie und späterem Electro-Bombast macht Lost In Reflections so besonders reiz- und wertvoll.

facebook.com/BlackNeedleNoise

Frank Hammersland: „Atlantis“ (Apollon Records/The Orchard)

Frank Hammersland – Atlantis (Apollon Records/The Orchard)
Parodiert der Norweger im Refrain des Album-Openers On The Radio etwa Miley Cyrus? Was für ein Schelm! Oder verdankt sich dieser Verdacht lediglich den Standards des Popsong-Writings, derer er sich bedient, ohne dabei seine durch und durch entspannte Grundhaltung zu verderben. Ganz gleich, was auf der Textebene inhaltlich so alles schief gehen mag: Frank Hammersland wahrt die Contenance. Anhand von klassischen, sowohl mit den Sechzigern als auch mit den Siebzigern konnotierten Liedern, die schnurstracks ins Ohr gehen. Und dabei vor allem – der sehr präsente Bass. Was kaum wundert, handelt es sich bei dem Tieftöner doch um das bevorzugte Instrument des 50-jährigen, der bereits seit 1992 mit Bands wie Pogo Pops, Popium, The Love Connection oder den Doomsville Boys die norwegische Pop-Szene bereichert. Wer jetzt noch an seinen Kompetenzen zweifelt, sollte sich direkt mal den grandiosen Schieb-Schwoofer Westbound Sundown zu Gemüte führen.

facebook.com/frankhammersland1

Surf Curse: „Heaven Surrounds You“ (Danger Collective/The Orchard)

Surf Curse – Heaven Surrounds You (Danger Collective/The Orchard)
Allzu vorschnell mag die Lakonie des Duos aus Los Angeles den Eindruck des allzu ephemer Veranlagten erwecken. Dabei springen die Songs ihres vierten Albums doch nahezu allesamt sofort an. Und das nicht nur aufgrund ihres facettenreich aufgebotenen Settings, in welchem sich Teenage-Angst, Glam-Spiltter und Indie-Rock-Libertinage tummeln. Ganz erstaunlich also, wie es Nick Rattigan und Jacob Rubeck gelungen ist, sich nahezu vollends von ihren Punk-Flegeljahren zu verabschieden. Dass sämtliche Songtitel Bezug auf Kino-Klassiker der achtziger Jahre nehmen, ergibt Sinn. Zumal das Cover wohl als eine Hommage an eine (nicht nur damals) typische Filmszene gedeutet werden darf. Zugleich aber auch an die frühen Artworks der Sparks erinnert (womit die Parallelen aber auch schon erschöpft sein dürften). Aber wer weiß, wo Surf Curse in zehn, zwanzig, dreißig Jahren stehen. Zuzutrauen ist ihnen weiterhin eine Menge. Indes fehlt noch der ein oder andere Punch, mit dem sich eingangs erwähnte Fehleinschätzungen tilgen lassen.

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Written By Wolves: „Secrets“ (Tenfold Records)

Written By Wolves – Secrets (Tenfold Records)
Rock 1: Bereits seit einigen Jahren bestens (nicht nur) in ihrer neuseeländischen Heimat unterwegs, scheint der Fünfer um Sänger Micheal Murphy mit Secrets nun endlich auch global abräumen zu wollen. Entsprechend gereift, ausgefeilt und opulent erscheint der aktuelle Sound, brüskieren die neuen Songs mit unverbrauchten Ideen (so diese auch die Haupteinflüsse der Band – von Linkin Park über Bring Me The Horizon bis Asking Alexandria – mehr als nur erahnen lassen). Wem die zahlreich gestreuten „modernen“ Elemente (EDM, Hiphop) partout nicht genehm sind, mag sich dennoch an die unterm Strich stets mitreißend arrangierten Gitarrenklängen erfreuen. Allen anderen seien die Jungs aus Auckland hiermit herzhaft ans Selbige gelegt.

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Fire From The Gods: „American Sun“ (Eleven Seven/Sony Music)

Fire From The Gods – American Sun (Eleven Seven/Sony Music)
Rock 2: Dass es sich bei Frontmann AJ Channer um einen vielseitig versierten Sänger mit starker Präsenz handelt, wurde bereits auf dem Debütalbum Narrative deutlich. Doch auf American Sun verdichtet sich dieser Verdacht, hin zu einer unverrückbaren Erkenntnis: Dieser Mann ist mehr als nur Kehlengold wert! Und: Seinem markant jamaikanischen Einschlag werden nun auch das Songwriting sowie die gesamte Ausrichtung der Band gerecht. Dominierten auf dem Erstling noch deftige Nu Metal-Elemente, gönnt man sich nun den ein oder anderen Blick über den stilistischen Tellerrand. Dass bei They Don’t Like It Sonny Sandoval von P.O.D. mitmischt, mag hierfür ein guter Indikator sein. Ferner gilt das gleichfalls von plump durchgezogenen Stiefeln abweichende All My Heroes Are Dead mit seiner sehr harten Gangart hervorzuheben. Oder auch Out Of Time, das sämtliche Stärken zu bündeln vermag. Kurzum: Der akut gebotene Mix hat das Zeug dazu, FFTG in (sich auch monetär auszahlende) Höhen zu katapultieren, von denen die Jungs aus der texanischen Musikhauptstadt Austin bislang allenfalls zu träumen wagen durften.

facebook.com/firefromthegods

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