'Le Bourgeois Gentilhomme' gestern am Theater Erfurt

Originell französisch

Ein Gast, der sich hier bislang rar machte, betrat am Frühabend dieses Mittwochs die Bühne im Großen Saal, der europäische „Bruder“ der American Drama Group und des britischen TNT Theatre nämlich, dessen Akteure ebenso gerne Originalstücke auf französisch wie englisch geben. Die Aufführung war tageszeitgemäß auf das jüngere Publikum der Schulen zugeschnitten, obwohl Molières Sprache in historischem Gewand und behender Deklamation den Französischkenntnissen selbst der Oberstufenschüler einiges abverlangt haben dürfte.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Titelblatt der Erstausgabe des ‚Comédie-ballet‘, der letzten Kooperation Molières mit Lully, aus dem Jahr 1673 (F p.d.)

Am eingängigsten wird in Gaspar Legendres Inszenierung, die räumlich betrachtet minimalistisch ausfällt, der Part des M. Jourdain deklamiert, brillant gesprochen und gespielt von Florent Chapellière. Die übermäßig gedehnte, klare Artikulation ist natürlich dem prätentiösen Verhalten der Figur zuzuschreiben, die einen zur höfischen Gesellschaft im Sinne der Steigerung eigenen Ansehens aufstrebenden, dabei als Kaufmann eigentlich wohlsituierten Bürgers verkörpert. Seine Träumereien verleiten ihn dazu, sich von einem salbadernden Philosophen in vorgebliche „Weisheiten“ einführen zu lassen ebenso wie er trotz des Engagements eines sonst für die Unterrichtung des Adels zuständigen Fechtmeisters in dieser Kunst wenig Geschick zeigt.

Selbstverständlich möchte der „eingebildet Gesellschaftskranke“ seiner Tochter Lucile zur Heirat mit dem bürgerlichen Cléonte nicht stattgeben. Demzufolge hilft den verzweifelt Verliebten und Cléontes Diener Covielle nur der Trick eines bunten türkischen Mummenschanzes – im Europa des ausgehenden 17. Jahrhunderts eine grassierende Modeerscheinung – um sich die Zustimmung des verblendeten Vaters zu erschleichen. Alexandre Manceau und Pierre Bedouet beherrschen im übrigen die Seitencharaktere sowohl des rasenden Liebhabers als auch des höfisch affektierten Galans und der vorgeblichen Gäste aus dem Vorderen Orient meisterhaft.

Florent Chapellières Jourdain wirkt deutlich eleganter und natürlicher als der hier imaginierte Habit aus viktorianischer Zeit es zeigt (GB p.d.).

Lullys Musik zur 1670 auf Schloss Chambord uraufgeführten Komödie Le Bourgeois Gentilhomme erklingt in der Aufführung der nur aus fünf Schauspielern bestehenden Truppe freilich nicht ganz wie im Original. Für die raffiniert überbrückten Szenendialogwechsel sah die Regie Intermezzi von John Kenny nach eher US-amerikanischer als britischer Folkjazz-Manier vor, einmal „rocken“ die Akteure gar zu poppigen Klängen mit Schlagzeugbeat über die Bühne. Die Besonderheit besteht in einem gewissermaßen indischen Seiltrick.

Es wird die Illusion erzeugt, deutlich mehr Darsteller agierten im Neben- und Hintergrund der Bühne, wobei alleine die großartig natürlich agierende Aude le Pape, in erster Linie Tochter des Hauses und Cléontes Geliebte, fünf verschiedene Rollen übernimmt.

Deutsche Ausgabe ´von Lullys Menuett-Satz in ‚Le Bourgeois Gentilhomme‘ (D/F p.d.)

 

 

 

Die Interieurs bestehen während des gesamten Spektakels lediglich aus quaderförmigen Kästen mit dreifachem Aus- und Eingang nebst Spiegelrückseite, die in sinnvoller Weise beständig genutzt werden, nicht zuletzt, um den Zuschauer zu verwirren – im selben Maße wie Monsieur Jourdain, der sich nicht einmal von seiner Ehefrau, gespielt von Claire Tudela, zur Räson bringen lässt, verwirrt ist von der Welt der Aristokratie, der er in „standesgemäßer“ (Ver-)Kleidung begegnet; bei einem sich in den höheren Kreisen anbahnenden Techtelmechtel wird Jourdain von seiner besseren Hälfte ertappt.

Mit Free Mandela wird die Truppe der American Drama Group im Monat November (am Dienstag, den 19. um 19 Uhr) nochmals in Erfurt zu erleben sein, danach zur unmittelbaren Vorweihnachtszeit am 17. Dezember um 15.30 Uhr und 18.00 Uhr mit Dickens‘ A Christmas Carol. Die Reihe setzt sich am 24. März 2020 mit Shakespeares Otello fort.

Alternative Aufführung

Spielplan des Theaters Erfurt

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.