Kammerbravourstück am Theater Erfurt

Was ist in „den letzten fünf Jahren“ passiert?

In Mehrspartentheatern wird zunehmend auf das Repertoire für kleine experimentierfreudige Theater eingesetzt. Das immer noch neuartige „Schuhkartonprinzip“ hat mit der Konzertsaison 2019/20 auch am Theater Erfurt Einzug gehalten. Die in sich offene Studio Box des kleineren Saals versucht sich seither an verschiedenen Formaten, die von der Talk Show (zur Musik und zu Persönlichem) über die kostenlos verfügbare Tanzbar bis zum Kammerstück reicht; war hier zuvor schon Raum für andere spezielle Formate wie die Oper des Früh- und Hochbarock, Operetten oder multimediale Inszenierungen, so dient sie nun auch für Aufführungen ausgewiesener Kammerstücke.

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Beide Hauptdarsteller des Musicals auf dem Sofa: Corinna Ellwanger (re.) und Tom Schimon (li.) (Theater Erfurt)

Ein solches ist nun seit seiner Premiere am 22. November durch Jason Robert Browns an die klassischen Broadway-Vorbilder anknüpfendes Musical The Last Five Years in der Erfurter Studio Box vertreten. Die voluminös deklamierenden, intonierenden und singenden Stimmen von Corinna Ellwanger und Tom Schimon beherrschten den begrenzten Raum von Anfang an und nicht nur an einer Stelle hätte sich an diesem Samstagabend vor dem 1. Advent mancher der umsitzenden Besucher ein großes symphonisches Orchester mit Jazz-Combo dazu gewünscht. Dem Publikum ließ Corinna Ellwanger nur kurze Atempausen, wenn sie vom Piano des Gedankenmonologs ins Forte-Register sprang. Den instrumentalen Part übernahm der musikalische Leiter der Aufführung, Regisseur William Ward Murta, am Klavier alleine und gewährleistete den Vollklang ebenso brillant wie den stimmungsvollen Ausdruck der lyrisch verhaltenen Partien.

Szenen einer (konventionellen Großstadt-)Ehe? (Corinna Ellwanger und Tom Schimon, Lutz Edelhoff, Theater Erfurt)

In der Handlung treffen die Erzählstränge der beiden Protagonisten nur in der Hochzeitsszene aufeinander, sonst erzählt Tom Schimons Jamie, der männliche Beziehungspart, die Geschichte chronologisch von Anfang, während Cathy alias Corinna Ellwanger sie aus der Rückschau nachvollzieht.

Die Beziehung zwischen der um ihre berufliche Zukunft hart kämpfenden Musical-Sängerin des Plots und dem ziemlich erfolgreichen Belletristik-Autor endet mit Jamies Abschied; dieser erklärt sich womöglich daraus, dass er sich eine „Gewinnerin“ an seiner Seite vorgestellt haben mag und sich enttäuscht sieht. Die Hoffnung bleibt, denn anders als der narzisstisch angelegte Jamie mit seinem doch recht engen Konzept einer am beruflichen Erfolg orientierten Partnerschaft sieht sich Cathy weiterhin als diejenige, die buchstäblich wartet, auf einen glücklichen Mann ebenso wie auf eine auskömmliche Position. Innerhalb der quaderförmigen Szenerie stehen vereinzelt Birken, die man wohl eher in Tschaikowskys Eugen Onegin suchen würde, hier könnten sie Hoffnung und Fruchtbarkeit symbolisieren, was sowohl auf die Haltung der Ehepartner zueinander als auch auf ihre Erwartung eines Kindes anspielen könnte.

In performance: Jason Robert Brown bei einer Lesung in New York (Wes Washington, 14.10.2013, CC-Liz.)

Jason Robert Browns Stück und seine Story nehmen Anleihen sowohl am jiddisch-osteuropäischen kulturellen Milieu als auch am Musical „alter Schule“. Dafür steht die von Jamie erfundene „Stetl“-Geschichte über den Schneider Schmuel von Klimowitsch nach Art von Sholem Alejchems Erzählungen als auch die Stillage von Cathys Ballade „Wenn du nach Hause kommst“, die sich an Jerome Kerns Broadway-Musicals orientiert. Im Hinblick auf die Unmittelbarkeit zeigte sich an diesem Abend der performative Vorteil der Studio Box, in der sich der Hörer mitten im oder wenigstens direkt am Bühnengeschehen wähnt, eine Dimension, die eine kleine traditionelle Bühne so nicht umsetzen kann.

Interview mit Jason Robert Brown

Spielplan des Theaters Erfurt

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.