Reminder Köln 10.12.19 (Interview mit Franz Treichler)

The Young Gods live im Luxor

The Young Gods (facebook.com/theyounggods)

Auf ihrer Data Mirage Tantram Tour beehrt die helvetische Experimental-Industrial-Electro-Psych-Whatsoever-Formation The Young Gods – zum Glück – auch den Kölner Traditionsclub Luxor. Für Eingeweihte unvergessen jener Abend vor rund 30 Jahren, als die gesamte Crew des damals direkt gegenüber beheimateten Rose Club kollektiv blau machte, um sich The Young Gods im Luxor reinzuziehen. Von seiner unbändigen Anziehungskraft hat das Trio nach all den Jahren (und mehrfachen Umbesetzungen) mitnichten eingebüßt. Vielmehr sollte ihr aktuelles Album, welches der Tour ihre Namen gibt, zu dem Besten gezählt werden, was anno 2019 das Herz (und Hirn) musikalischer Querdenker zu erfreuen wusste. Und weiß. Anlässlich der Anfang des Jahres erfolgten Veröffentlichung dieses neuerlichen Meisterwerks unterhielten wir uns mit TYG-Urgestein Franz Treichler.

Die Post Industrial-Institution aus Genf schlägt mit Data Mirage Tangram ein weiteres Kapitel ihres nach wie vor unvergleichlichen Schaffens auf. Im Laufe eines Zeitraums von rund drei Jahren entstanden – und sich erneut jeglicher Kategorisierung entziehend – entführen die jungen Götter den Hörer in zuvor noch unentdeckte Klangwelten aus unerfindlich dicht aromatisierten Atmosphären sowie organisch strukturierter Ambivalenz. Dass dem bis dato zwölften Studioalbum der Franko-Schweizer eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte zugrunde liegt – die Frontmann Franz Treichler im Gespräch gerne rekapituliert – mag maßgeblich zu einem Ergebnis beigetragen haben, dessen sensorische Dimensionen den Rahmen konventionell gedachter Musikerzeugnisse sprengt.

2011 befand sich die Band in einem Zustand der Zäsur. Eine ausgedehnte Tour war zu Ende gegangen, und der Keyboarder Al Comet von Bord. „Da brachte sich unser Gründungsmitglied Cesare Pizzi wieder ins Spiel, der sich seit seinem Ausstieg 1988 weitgehend von der Musik zurückgezogen hatte. Gemeinsam mit ihm haben Bernard Trontin und ich dann beschlossen, weiterzumachen. Aber nur unter der Bedingung, dass es uns auch gelingen würde, etwas für uns völlig Neues zu erschaffen.“

Zum Ausgangspunkt für die Umsetzung des gemeinschaftlichen Vorsatzes bot sich 2015 das Cully Jazz Festival an. Dort nutzte das Trio die Gelegenheit, an fünf aufeinanderfolgenden Abenden vor Publikum frei zu improvisieren. „Wir sind dort unter einem anderen Namen aufgetreten, da wir keine falschen Erwartungen wecken wollten. Denn schließlich hatten wir uns ja geschworen, so unvorbelastet wie nur möglich neue Wege einzuschlagen.“ Anschließend wurden die Mitschnitte gründlich analysiert und ausgewertet. Teilweise wurden die Elemente der Jamsessions verworfen, andere jedoch weiter ausgearbeitet. Bis Data Mirage Tangram allmählich seine finalen Konturen annahm.

Als Novum im eigenen Sound-Kosmos erachtet Franz Treichler den Einsatz von live eingespielten Gitarren, Bässen und Drums. Doch auch die elektronisch erzeugten Texturen beschränken sich nicht länger auf das Arrangieren von vorab definierten Loops. „Die einzelnen Tracks waren ursprünglich alle über zehn Minuten lang“ erinnert sich der 57-jährige Sänger, der diesmal jedoch auch die besagten Gitarren beisteuerte. „Grundsätzlich verfolgten wir das Ziel, einen sich stets langsam entwickelnden Soundflow zu gestalten. Doch von dieser Prämisse sind wir im Einzelfall wieder abgerückt.“ Hier spielt er insbesondere auf Tear Up The Red Sky an, einen Song, der noch am ehesten bei den bahnbrechend legendären Anfängen der Young Gods anknüpft und entsprechend moduliert und modifiziert wurde. Ganz im Gegensatz zu dem auch in der finalen Albumversion über zehn Minuten währenden All My Skin Standing. „Hier“, erläutert Franz Treichler, „haben wir keine Veranlassung gesehen, den tribal-repetitiven Charakter des Stücks um songorientierte Interventionen zu ergänzen.“

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