Reminder Köln 10.12.19 (Interview mit Franz Treichler)

The Young Gods live im Luxor

The Young Gods: „Data Mirage Tangram“ (Two Gentlemen/Rough Trade)

Insofern erweist sich das neue Album nicht zuletzt als ein meisterhaftes und immens effektives Austarieren von gestalterischen Gegensätzen. „So habe ich das noch gar nicht empfunden“, reagiert Franz Treichler auf diese Einschätzung. „Aber ich denke, dass sie ihre Berechtigung hat. Und sich in ihr auch unser Anliegen widerspiegelt, den Hörer auf seinem Weg durch ihm noch unbekannte Gefilde zu begleiten. Ihm eine gewisse Sicherheit zu geben, ihm die Angst vor dem Neuen zu nehmen. Das Fremde wollen wir zugänglich gestalten.“ Trotzdem eignen sich The Young Gods auch anno 2019 nicht als wohlig säuselnde Weichspüler. „Ich mag nach wie vor die musikalische Erzeugung von Gewalt. Nicht jedoch die oftmals mit ihr verbundene Aggression. Dabei versuche ich, die von uns intendierte Wirkung anhand meines Gesangs zu steuern. Die Art, wie ich ihn positioniere oder mein Timbre dosiere, verpasst dem jeweiligen Ambiente oftmals den letzten Schliff. Auf Data Mirage Tangram lege ich es in erster Linie darauf an, den Hörer sanft zu verführen. Anstatt ihn, wie früher zumeist, mit meinem Geschrei zu verschrecken“, lacht Franz Treichler.

Aber ihm ist auch klar, dass die Möglichkeiten, bestimmte Reaktionen vorab zu definieren, begrenzt sind. Dass es nicht zuletzt darauf ankommt, in welchem Maße der Hörer dazu bereit ist, sich auf die gebotene Intensität und den Fluss einer vorgegebenen Ereignisabfolge einzulassen. „Ich finde, dass Musik erst dann zur Magie wird, wenn sie mehr auslöst, als ihre Urheber beabsichtigten. Wenn sie sich im individuellen Hörprozess verselbstständigt. Das erlebe ich immer wieder am Beispiel meiner Frau, die sehr genau verfolgt, was wir so treiben. Und uns immer wieder auf bestimmte oder eben auch unbestimmte Aspekte unserer Arbeit hinweist, die wir selbst gar nicht erahnten. Sicher mag man als Musiker auf gewisse Ziele hinarbeiten, doch wenn sich das Wirkung der Kontrolle entzieht – umso besser!“

Empfindet sich Franz Treichler in diesem Zusammenhang als Künstler? „Ich würde mich lieber als Musiker bezeichnen. Auch wenn ich weiß, dass Kunst nicht ausschließlich auf intellektueller Ebene erschaffen wird oder funktioniert. Aber unsere Musik ist primär instinktgetrieben. Wir wollen zwar, wie die meisten Künstler, neue Erfahrungen, Sichtweisen oder Interpretationen des Lebens vermitteln. Aber vor allem geht es uns darum, positive Energie zu erzeugen. Fragen zu stellen, die Antworten indes schuldig zu bleiben. So wie jene Bands, die mich einst pushten, die mich nach einem Konzert innerlich tief beeindruckt – und äußerlich erschöpft – wieder in die Welt entließen. Ihnen verdanke ich meinen Wunsch, selbst Musiker zu werden.“ Sowie das Selbstverständnis, ein unvoreingenommen wagemutiger Musiker zu sein.

Wollen wir abschließend noch das Geheimnis des Albumtitels auflösen? Oder ihn lieber auf sich selbst beruhend für sich selbst sprechen lassen? Wir einigen uns darauf, dass Leser, die Wert auf ihre eigene Deutungshoheit legen, die folgenden Zeilen ja übergehen können. „Die ‚Data‘ stehen für das zunehmend ominöse Reich der Algorithmen. Dessen Konsistenz und Funktion, so will es scheinen, kaum noch jemand versteht. So wird die digitale Welt zu einem vagen Phänomen, einer vagen Erscheinung, einer ‚Mirage‘. Mit ‚Tangram‘ fügen wir dieser Andeutung einer kritischen, aber letztlich auch ratlosen Betrachtung eine weitere Dimension hinzu, die sich direkt auf das Album bezieht. Denn auch ein Tangram-Puzzle besteht aus sieben Teilen. Wer sich darauf einlässt, verbindet die Auflösung eines Rätsels mit einem kreativen Akt.“ Schöpferisches Hören als eine probate Form der Energieerzeugung sozusagen. Wer dennoch meint, die Verstromung von Braunkohle sei weiterhin ein notwendiges Übel, sollte sich vielleicht mal von den Young Gods zum Umdenken verleiten lassen.

Figure sans nom:
youtube.com/watch?v=S7K1zYsxGCg

09.12. Hamburg (Uebel & Gefährlich)
13.12. München (Ampere)

facebook.com/theyounggods
facebook.com/events/2260817524234383

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