Zum Ausklang der Weihnachtstage weiterhin am Theater Erfurt

Was (in der Kunst) die Wirklichkeit entlarvt

Die häufig als Gesamtmotto von Puschkins Märchen vom Zaren Saltan verstandene Sentenz Denn in Märchen wird zur Weisheit, was der Wahrheit scheinbar spottet lässt sich natürlich vortrefflich auf die dargestellte, von den Untertanen keineswegs als gerecht wahrgenommene Zarenzeit anwenden: Der sei es erfahrene oder erdachte Despotismus und die Intrige am Hof bilden schließlich die handlungsstiftende Folie der gestern wiederholt am Theater Erfurt gezeigten Oper Nicolaj Rimski-Korsakoffs, bekanntermaßen bedeutendster Exponent der russischen Musik der etablierten nationalromantischen Schule des „Mächtigen Häufleins“.

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Gerührt und seiner schweren alten Schuld bewusst gibt Zar Saltan das Paar Schwanhilde und Gwidon zum Bund der Ehe zusammen (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Chanmin Chung als Dirigent des Abends arbeitete voluminös die Dramatik des Verhängnisses über die Zarin und den kleinen Thronfolger heraus, denen der alternde Zar aus der Ferne bestimmt, in einer Tonne auf dem Meer ausgesetzt zu werden. Hämmernde Fortissimo-Akkorde beherrschen die düstere Szenerie der Aussetzung von Mutter und Sohn.

Der südkoreanische Multiinstrumentalist Chanmin Chung ist seit der Spielzeit 2017/2018 2. Kapellmeister am Theater Erfurt (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Sowohl deklamatorisch als auch der sängerischen Leistung nach verkörperte Kakhaber Shavidze die Machtposition des Zaren mit zwingender Überzeugungskraft; als Gast vom Mainfrankentheater Würzburg brillierte Akiho Tsujii mit leidenschaftlich schmelzendem Timbre in der Rolle der den Knoten lösenden guten Fee in Gestalt von Prinzessin Schwanhilde, die Gwidon alias Saltans Sohn ehelichen wird. Eine der beiden exponierten Kinderfiguren führte in entsprechendem Kostüm luftig-frei umherschwirrend den Hummelflug auf, Rimsky-Korsakoffs vor allem als Klavierbearbeitung bekanntestes Stück.

Margrethe Fredheim als Zarengemahlin Militrissa und der US-amerikanische Sänger Brett Sprague in der Rolle ihres Sohns Gwidon (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt)

Eine geradezu ideale Mischung zwischen dem historischen Anspruch der Moskauer Uraufführung von 1900 und der Gegenwartsästhetik fand für Bühnenbild wie Gesamtinszenierung Alexei Stepanyuk, der seit 1993 an keinem geringeren als dem Mariinski-Theater von St. Petersburg arbeitet und am dortigen Konservatorium zwei Professuren innehat. Die aufwändige, ihrem Erscheinungsbild nach (kinder-)märchengerecht bemalte Maschinerie des Meereshintergrunds transportiert Fische, Schiffe und schließlich auch Schwanhilde in karibisch-karnevalsbuntem Kleid, für das Stepanyuks Petersburger Kollegin Elena Orlova sorgte – wie auch für die opulente Gewandung der Krieger, der Bürger in der paradiesischen Stadt und der zaristischen Familie.

Spielplan des Theaters Erfurt

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.