The Chap - Digital Technology

Vorgriff mit Rückhalt

The Chap: „Digital Technology“ (Staatsakt/Bertus/Zebralution)

Bring Your Dolphin fordern die sympathischen Schlaumeier aus Nord-London zu Beginn ihres achten, schlicht genial betitelten Longplayers Digital Technology (Staatsakt/Bertus/Zebralution). Wer sich da nicht direkt auf die Suche nach dem hauseigenen Meeressäuger macht, läuft Gefahr, die mit sarkastischer Lakonie gewürzten Pop-Suaden als intelligent verbrämte Spaßnummern zu verkennen.  Selbst wenn sich zu guter Letzt sogar noch ein Furzkissen bemerkbar macht.

Unser Delfin hört auf dem Namen „I Start Counting“ und tauchte 1982 erstmalig – auch in London – auf. Und mag es noch so sehr Privatsache sein: Wenn Digital Technology prompt Assoziationen zu den Alben des Hausflippers aus den frohen Achtzigern hervorruft (My Translucent Hands, Fused), mag dieser Umstand gerne tief blicken lassen. Und den Ruch einer wohl kaum intendierten Zeitlosigkeit auf das weitaus neuere Produkt pusten.

Letztlich handelt es sich bei genannter Referenz um einen Reflex. Auf die von The Chap eigenmächtig ins Spiel gebrachte Vorgabe, mit Digital Technology so klingen zu wollen wie sich künstliche Intelligenz Electropop anno 2020 dereinst vermutlich ausdenken würde. Eine hübsche Hypothese, weder Hemmschuh noch Kopfklemme. Klugerweise weisen die das Album bevölkernden Mutmaßungen keinen Hang zu tendenziös-apodiktischen Aussagen auf. Utopie, Dystopie und latent angeheiterte Klarsicht bleiben voneinander ununterscheidbar: „Those Boots Won’t Wear Themselves“ (Toothless Fuckface).

The Chap (Stephanie Piehl)

Mal zackig, mal süßlich, mal menschelnd unterkühlt – und dann doch wieder nahezu alles auf einmal. Mit seinem (kaum verhohlen) lustvollen Auffahren von sich überkreuzenden Stimmungsschwankungen lässt Digital Technology immerhin an der Zurechnungsfähigkeit der zukünftig autonom kreativen KI zweifeln. Wird sie gar in der Lage sein, die menschliche Ambivalenz zu simulieren? Dann wäre die eventuell erst noch zu züchtende Kapazität für Einfalt und Genügsamkeit endlich vom Dünkel der Künstlichkeit befreit. Nicht unbedingt ein Grund zur Vorfreude. Ganz im Gegensatz zur anstehenden Tour.

Pea Shore:
youtube.com/watch?v=Tw9Es2Dvb2g

19.01. Offenbach (Hafen 2)
20.01. München (Unter Deck)
21.01. Nürnberg (Desi)
22.01. Berlin (Kantine am Berghain)
23.01. Hamburg (Goldener Salon)
24.01. Bonn (BLA)

facebook.com/thechapmusic

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