Wave Gotik Treffen XXIX - Blickpunkte (1)

Anspruch, Wahrheit – Festival

(wave-gotik-treffen.de)

Bereits Mitte Dezember – und somit zu einem ungewöhnlich frühen (wenn auch keineswegs verfrühten) Zeitpunkt – gaben die Verantwortlichen der weltweit vielfältigsten Großveranstaltung für tiefschwarz empfindende Gemüter und Genießer die erste Tranche bestätigter Künstler zum WGT preis (von vermutlich insgesamt an die circa zwanzig weiteren). Mit Einstürzende Neubauten an allererster Stelle. Ein Schachzug, der zur 29. Auflage des Festivals (29. Mai – 01. Juni) gleich mehrere symbolkräftige Aussagen bündelt. Und somit nicht zuletzt auch an jene Wirkkraft appelliert, die von einer global vernetzten Subkultur nach außen hin abstrahlt.

Nachdem inzwischen auch das slowenische Künstlerkollektiv Laibach offiziell angekündigt ist, werden also in diesem Jahr gleich zwei Formationen das Wave Gotik Treffen nachhaltig bereichern, denen der Spagat zwischen dem musikalisch fundierten Untergrund und der allgemein anerkannten Hochkultur bereits seit Jahrzehnten auf internationaler Ebene gelingt. Doch auch ein Blick auf die jeweilige Entwicklung, welche Einstürzende Neubauten und Laibach in den letzten annähernd vierzig Jahren genommen haben – sowie auf ihre als diametral entgegengesetzt geltenden Ansätze – schärft das Verständnis für eine Relevanz, die von der Szene selbst nicht immer mit offenen Armen empfangen oder offensiv befürwortet wird.

Schließlich liegt es in der Natur einer jeden Subkultur, sich als eine leidenschaftlich verbundene Affektgemeinschaft den Luxus der Abgrenzung gegenüber dem gemeinhin Gängigen zu gönnen. So auch dieses Jahr wieder Kohorten von Außenstehenden losziehen, um anschließend visuell möglichst attraktive Motive auf ihren heimischen Festplatten abspeichern zu können, mag dieses weitgehend geduldete Phänomen der externen Teilhabe für viele Involvierte genügen. Nichtsdestoweniger ziemt es sich, einmal die Frage zu erheben, ob eine zentrale Zusammenkunft der schwarzen Szene, zumal von der geradezu einzigartigen Größenordnung des WGT, nicht doch der Welt „da draußen“ essentiell mehr mitzuteilen hat als auffällige Gewandungen oder den Leumund einwandfreien und friedfertigen Verhaltens in der Öffentlichkeit.

Mina Špiler, Laibach (Stephan Wolf)

Mit der prominenten Nominierung von Einstürzende Neubauten geht eine zentrale Botschaft einher: Anspruch und Feierlaune werden sich auf dem WGT auch in diesem Jahr nicht gegenseitig ausschließen. Da passt die direkt im Anschluss erfolgte Ankündigung von VNV Nation bestens ins stimmige Bild. Denn auch Ronan Harris versteht es – mit seinem Lebensprojekt – die Balance aus gedanklicher Trennschärfe und frenetischer Begeisterung exakt auszutarieren. Warum auch in diesem Jahr wieder ein exquisites Programm aus dem Bereich der akademisch fundierten Musik geboten wird, muss an dieser Stelle nicht erläutert werden. Zumal die Frage ob Musik, die sich nicht aktuell verbal (sondern zeitlos explizit) äußert, gar politische Relevanz besitzt, höchst umstritten bleibt.

Nachdem inzwischen rund ein Drittel der am offiziellen WGT-Programm teilnehmenden Bands und Künstler bekanntgegeben worden sind, lässt sich bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine gewisse Mikro-Tendenz konstatieren. Der in den beiden vergangenen Jahren gelinde überrepräsentierte Anteil von Bands, die dem sogenannten Postpunk zuzuordnen sind, pendelt sich offenbar wieder auf ein angenehmes Normalmaß ein. Wenngleich die Futtertröge für ephemere Trends beim WGT ohnehin noch nie sonderlich niedrig gehängt wurden. Andererseits ist schon zum jetzigen Zeitpunkt absehbar, dass am traditionell großzügig bemessenen Raum zur Entfaltung von Neo-Folk oder Folk Noir erneut keine Abstriche vorgenommen werden. Dies ist insofern löblich, da sich dieser Gattung – trotz ihrer nach wie vor gebotenen, höchst eigenartigen Qualität – kaum noch Foren bieten.

Apropos Tradition: Auch wir planen in diesem Jahr erneut – zum 7. Mal in Folge – das WGT im Vorfeld zu begleiten. Anhand von sich lose aneinanderreihenden, exklusiven Interviews mit Künstlern zum Festival.

wave-gotik-treffen.de

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