Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LXIX

Gesang bei den Suyá-Indios

Beinahe zwangsläufig muss nicht nur das Verständnis von Musik, sondern auch das erstellte Instrumentarium von lange Zeit nahezu völlig isoliert lebenden Indianerstämmen ein völlig anderes sein als wir es uns aus einer rein westlichen Perspektive vorstellen können.

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Seit den 1980er Jahren erforschte Anthony Seeger die Popularmusik im Gebiet der Suyá-Indios des westlichen mittleren Brasilien (University of Illinois Press, ISBN-13: 978-0252072024, 2004).

Bei den Suyá in einer entlegenen Region des Amazonasraums von Mato Grosso, der die umliegenden brasilianischen Bundesstaaten und die Ostflanke angrenzender Länder wie Bolivien oder Paraguay zu einem größeren Teil beherrscht, spielt zu Tanz und Gesang die Piqui, eine Rassel aus einer Variante der sogenannten immergrünen Butternuss, deren Saiten aus Baumwolle bestehen, eine besondere Rolle, während anderes dort gebräuchliches Schlagwerk gerne aus Hirsch- oder Wildschweinhufen und aus Kürbissen gefertigt wird.

Aus der Karioka-Frucht wird die Piqui-Rassel der Suyá gefertigt (Caryocar nuciferum, Lemaire, US p.d.).

Bei einer der manchmal Monate andauernden Zeremonien, die mit Initiationsriten zusammenhängt, jagt traditionell eine rasselspielende Gruppe eine andere und zerbricht ihre Instrumente, in europäischen Kulturen eine eher befremdliche Vorstellung, die aber mit einer mangelnden Wertschätzung der Instrumente nichts zu tun hat. In der Xingu-Region wurden Holzblasinstrumente wie etwa Flöten hergestellt, die aber nur selten zu musikalischen Aufführungen genutzt werden.

Karl von den Steinen beschrieb als erster die Indio-Kultur der Suyá Mato Grossos (Unter den Naturvölkern_Zentral-Brasiliens_Reiseschilderung und Ergebnisse der zweiten Schingú-Expedition 1887-1888. Publ. 1894. Flickr API 29.7.2014).

Der religiöse Hintergrund einer von Vokalmusik dominierten Kultur ist gerade im Falle der Suyá nicht zu unterschätzen. Innovation in Gestalt neu eingeführter Lieder wird von Männern oder Frauen getragen, die ihre Seele verloren haben und stattdessen die Gesänge von Tieren, Pflanzen und Insekten hören und „verstehen“ können. Die eminente Bedeutung des Singens spiegelt sich übrigens im Schmuck der Suyá, etwa großen Ohrringen und weiteren Piercings deutlich wider, in ihrer Kultur als Ganzem, die von Sprechen und Hören geleitet ist. Die Gesänge finden meist in den Männerhäusern Gehör, dementsprechend haben ihre chorischen oder solistischen Stimmen eine eigene Gattung, dem hochtönigen Schreigesang akia. Das zweite wichtige Genre, ngére, wird in tieferem Register von Frauen und Männern gleichermaßen praktiziert.

Dokumentation

Literatur u.a.
Anthony Seeger: Why Suya Sing: A Musical Anthropology of an Amazonian People. University of Illinois Press 2004.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.