Die allererste Symphonie für Orchester?

Brioschis Rezeptur

Nach allem, was wir über die frühen Jahre einer im klassischen Sinn mustergültigen Symphonie für orchestrale Besetzung wissen, darf hier eine Annahme gewagt werden. Wie bekannt schufen die Komponisten der Opera buffa, allen voran Giovanni Battista Pergolesi, die Voraussetzungen: Der konzertante Stil wird in der ein Musikdrama einleitenden Sinfonia an den Rand gedrängt, die Streicher treten immer mehr in den Vordergrund, was die Bedeutung des ursprünglich die Ouvertüre markierenden ersten Satzes in der späteren klassischen Symphonie plausibel macht.

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Die oberitalienische Stadt Casale Monferrato, die zur Region Piemont gehört, war bereits im 17., dann im 18. Jahrhundert, ein Zentrum europäischer Opernproduktionen und -Aufführungen. Hier wirkte zwischen 1725 und 1750 der Komponist Antonio Brioschi (ca. 1700 – um 1750).

In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts vollzog sich bereits dieser Emanzipationsprozess, denn auch der Tanzcharakter des mittleren von drei Sätzen wurde bald aufgegeben, ebenso die generalbassgeleitete Struktur, was Platz für eine großflächigere harmonische Ausarbeitung gerade des ersten Satzes schuf. Hinzu kam in der Opernsinfonia nun eine Normierung auf gleichartige Kadenzen hin, eine alle Sätze beherrschende Gesanglichkeit, Kurzgliedrigkeit und ein tonales Grundschema aus Exposition, folgender Überleitung und Reprise. Sowohl die Mannheimer Schule mit ihrem harmoniefüllenden Bläsereinsatz als auch Johann Christian Bach sowie die Wiener Schule sorgten für weitere Zutaten.

Bei der Deutschen Harmonia Mundi erschien Vanni Morettos erste Einspielung von 6 Symphonien aus der Hand Antonio Brioschis mit dem Mailänder Kammerorchester Atalanta Fugiens (ASIN: B000KN7DNY, 2010).

Mit der nötigen Vorsicht wird man aus heutiger Sicht unter Berücksichtigung von Giovanni Battista Sammartinis gleichzeitig vollzogenen Veränderungen der herkömmlichen dreisätzigen Sonate die Symphonien Antonio Brioschis aus den frühen 1730er Jahren als erste Beispiele nennen dürfen, bis deren Entwicklung durch die „Dekonstruktion“ des Sonatenhauptsatzschemas mit Beethovens 1. Symphonie zu einem Ende gelangte.

Brioschis einer Kantate nachgeordnete Sinfonie in G-Dur für die Einweihung der Synagoge von Casale Monferrato vom 10. Oktober 1733 könnte bereits eine markante eigenwillige Struktur besessen haben. Die früheste erhaltene Symphonie im Geist der Mailänder Schule aus seiner Hand könnte dann die Sinfonie E-Dur aus dem Jahr 1734 gewesen sein; vieles spricht dafür, diese als erste selbstständige, aus jedem anderen Kontext gelöste frühklassische Symphonie anzusehen. Sie ist überliefert durch Charles Estiens Abschriften aus der Zeit zwischen 1740 und 1744 für den Fonds des Musikförderers Pierre Philibert de Blancheton, durch dessen Initiative 21 von insgesamt 25 Symphonien Antonio Brioschis überliefert werden konnten.

Ausführliche Informationen zur Quellenlage bietet Sarah Mandel-Yehudas breit angelegter Aufsatz The Symphonies of Antonio Brioschi: Aspects of Sonata Form (1997).

Sinfonie D-Dur
Ausführende: Ensemble Atalanta Fugiens, Leitung: Vanni Moretto

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.