Musik der Karibik LXXII

Wissenschaftler trifft verrückten Professor

Einen Wettkampf zwischen zwei Dub-Größen auf Tonträger mitverfolgen zu können, ist nicht alltäglich: Auf Jamaica trafen sich zwei nicht nur in der Karibik bekannte Toningenieure und Abmischer, die schon vielfach zusammengearbeitet haben. Also nannten sie ihren Staffellauf um die beste Musik Scientist meets The Crazy Mad Professor At Channel One.  

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Das Album der beiden Sound-Ingenieure erschien zum ersten Mal bereits im November 2014 und wurde letztes Jahr neu herausgegeben (ASIN: B004R1QA3Y, Indigo/Jamaica).

Insbesondere der zweite der Duo-Partner, der „völlig verrückte Professor“, wartet hier mit ebenso einfallsreichen Klangfarben wie von Tanznummer zu Tanznummer hochdifferenzierten tropikalen Rhythmen auf. Nicht zu verwechseln ist er mit Mad Professor, der seinen Sitz in Großbritannien hat und mit bürgerlichem Namen Neil Fraser heißt.

Blakkamores Album ‚Upward Spiral‘ erschien am 3. April 2020 bei Baco Records (ASIN: B085KR53TH).

Blakkamore wurde im südamerikanischen Karibik-Anrainerstaat Guyana geboren, wuchs aber in Brooklyn auf. Aus dieser Zeit ist sein ebenso am Hiphop orientierter Reggae- und Dancehall-Stil geprägt, der das Etikett „Urban World Music with a message“ erhielt. „Message“ ist durchaus als intellektuelle Orientierung aufzufassen und tatsächlich dürfte Blakkamore noch heute eher zur Avantgarde unter den Reggae-Musikern im weitesten Sinn zählen, auch wenn er ebenso als Melodiker begnadet ist. In diesem Jahr erschienen neue inspirierende Songs unter dem metaphysisch-transzendentalen ebenso wie optimistisch stimmenden Titel Upward Spiral. Dieses Album sei wärmstens auch notorischen Klassikhörern empfohlen, zumal die Persönlichkeit des Musikers mit seiner Gedankenwelt in jedem Stück variantenreich in den Vordergrund tritt.

Seit seinem Aufenthalt auf Jamaica trägt Douglas Bennett den religiösen Namen Dr. Israel (In Dub. ASIN: B084TNHVQ9. ET: 27.3.2020. Echo Beach / Indigo).

Stark elektronisch eingefärbt ist der Dub von Dr. Israel aus Philadelphia, der unter seinem bürgerlichen Namen Douglas Bennett zunächst in einer Punkband als Gitarrist auftrat, bevor es ihn zu einer religiösen Reise nach Jamaica trieb. Dort trat er einer Niyabinghi-Gemeinschaft und blieb für einige Zeit. In New Yorks Brooklyn startete er anschließend ein eigenes Aufnahmestudio, das Früchte trug: Sein neues Studio Revolutionsound, aus dem auch das neueste, äußerst komplexe und vielfältige Album In Dub hervorging, ist in den Szenen bestens etabliert. Es lässt freilich kaum noch nachspüren, dass Dr. Israel als junger Musiker bereits erfolgreich Reggae und Punk verknüpfte.

Ein Muss für jede Tanzparty mit Reggae ist diese Kompilation aus ‚Jamaican Love Songs‘. (ASIN: B084QLP7XH. ET: 27.3.2020, Kingston Sounds / Indigo)

In Melodie und Text sehr anrührende, die Sehnsucht nach Kingston als einem paradieshaften Ort der Reggae-Romantik weckende Songs bietet die Kompilation Born to Love You, die am 27. März 2020 in dieser Form erschienen ist und auf der verschiedenste Musiker und Bands, Max Romeo oder The Melodians, Alton Ellis oder Cornell Campbell zu Wort und Klang kommen.

Ozunas alias Juan Carlos Ozuna Rosados Album ‚Nibiru‘ erschien am 14. Februar 2020. (ASIN: B082RMPQ97, Smi Epc).

Zu einem guten Teil experimentell, jedenfalls aber höchst individualistisch wirken auch die Sound-Manipulationen auf der aktuellen CD des sehr erfolgreichen 28jährigen puerto-ricanischen Reggaetón-Sängers Ozuna, Nibiru, die aus Auftritten im Jahr 2019 resultierte. Der CD-Titel spielt ebenso auf eine sumerische und babylonische Gottheit, nach der auch ein Himmelsobjekt in Verbindung mit einer besonderen astronomischen Konstellation benannt wurde.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.