Camilla de Rossis Aufführungserfolge zwischen 1707 und 1710

Oratorio al stilo (più) moderno

Sicher handelte es sic bei der kaum aus dem Dunkel der Geschichte herausgetretene Römerin Camilla de Rossi um eine Komponistin, die an den neuesten Entwicklungen ihrer Zeit besonders interessiert war. Dies bezeugen nicht nur ihre Oratorien, die auf dem Übergangsgrat zwischen dem hohen Barock Versailler Schule und dem durch die Empfindsamkeit beeinflussten Spätbarock anzusiedeln sind. Sie schrieb das eben erst erfundene Chalumeau bereits 1708 in ihrem Oratorium Il sacrifizio di Abramo vor und gehörte unter den Tonsetzern, die sich des Instruments im 18. Jahrhundert bedienten, zu den ersten.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Francesco Passerini (ca. 1627 – 1669) vertonte den Stoff um Isaaks verhinderte Opferung bereits 1685 in einer Komposition für den Wiener Hof (Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-1909-5190, CC-Liz.).

Die alttestamentarische Stoffwahl folgte einem Trend: Francesco Passerini hatte bereits 1685 das Sujet der beinahe vollzogenen Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham für den Wiener Hof vertont, Marc Antonio Ziani zog 1707 nach. Da eine Analogie zu „Christi Opfer“ vorlag, könnte es sein, dass die Uraufführung im Umfeld des Karfreitags stattfand, Veronika Greuel vermutet daher den 7. April 1708 als Datum. Sie vermutet auch, dass der Librettist Francesco Maria Dario Laie war, denn sein Name findet sich kaum irgendwo erwähnt. Der Wiener Hof, an dem das Oratorienkonzert stattgefunden haben könnte, verfügte über die für die sehr ansehnliche Zahl von 102 Musikerinnen und Musikern und die Aufstockung des Orchesters um die modernen, aber schwer zu blasenden Chalumeaus, dürfte unter diesen Voraussetzungen ein „Muss“ gewesen sein.

Zur Zeit Joseph I. wirkte vermutlich auch Camilla de Rossi (ca. 1670 – 1710) am Wiener Hof (Hofburg, Reichskanzleitrakt, 17.2.2008, Gerd Eichmann, CC-Liz.).

Von der Hand der „Römerin“ sind ebenfalls im Manuskript drei weitere Oratorien erhalten: Santa Beatrice d’Este (1707), das 1712, also wohl nach ihrem Tod in Perugia wiederaufgeführt wurde, das hinsichtlich seiner chromatischen Figurationen komplexe Il figliuol prodigo (Der Verlorene Sohn) von 1709, zu dem sie selbst das Libretto verfasste und das erst kürzlich eingespielte Oratorium Sant’Alessio (1710), dessen Text ebenso ihre eigene Handschrift trägt.

Manfred Cordes spielte mit dem Ensemble Weser-Renaissance 1995 diese raumklanglich höchst überzeugende Aufnahme des Oratoriums ‚Il sacrifizio di Abramo‘ (1708) ein (ASIN: B000001S0R, cpo 1996).

War Camilla de Rossi (als Adlige?) tatsächlich am Wiener Hof, so blieb sie nicht die einzige Komponistin unter Männern, denn schon bald, genauer 1713, folgten Maria Margharita Grimani und Caterina Benedetta Grazianini nach; die Bedingungen waren wohl nur deshalb günstig, weil auch mächtige Frauen am Hof des Habsburger Reichs unter Joseph I. auch in Sachen Musik den Ton angaben.

Kompositionen von Camilla de Rossi:

Basta sol

Non senti ch’il cuore

Il Figliuol Prodigo (1709) auf historischen Instrumenten

 

 

 

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.