Vor der Kunstmusik: Finnische Folklore im 17. Jahrhundert

Pelimanni

Nach der vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit hineinreichenden Runo-Praxis, die durch Heldengesänge auf pentatonische Melodien gekennzeichnet war, begann sich in Finnland im 17. Jahrhundert eine gänzliche Abwendung vom Primat der Vokalmusik abzuzeichnen.

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Die Kantele spielt seit dem Mittelalter bis zum heutigen Tag eine tragende Rolle in der folkloristischen Musik Finnlands; in der europäischen „Barockzeit“ wurde ihr Umfang erweitert (Konzertkantele, Paul Lenz, 12.9.2004, GNU Free Doc. Lic.).

Reine Instrumentalmusik auf gänzlich tonaler Basis setzte sich in der Folklore allmählich durch: Die Pelimanni oder Spielmannsmusik, die Finnland kulturhistorisch gesehen mit Schweden als Besatzungsmacht lange verband, wurde auf der Fiedel und der um mehrere Saiten erweiterten Kantele ausgeführt, Akkordeon und Klarinette kamen in der Epoche der Aufklärung noch hinzu.

Pelimanni / Spielleute heute bei einem Auftritt Im Torne-Tal (Mestos, 14.7.2012, CC-Liz.)

Die mythologisch geleitete Kalevala-Tradition der Lieder auf Heroen wie Leminkäinen wurde durch die Pelimanni abgelöst, die allerdings insgesamt in den Zusammenhang einer größerflächigen nordeuropäischen Entwicklung folkloristischer Praxis hin zur Tanzmusik  zu verorten ist; besondere Aufmerksamkeit fanden in Finnland etwa Polska und Mazurka. Die Ausführenden passten nicht nur das Tonsystem, sondern auch die Strophen- und Reimformen der zugrundeliegenden Lieder an in ganz Europa vorherrschende Normen an.

Noch 1896 wirkte die Pelimanni-Tradition aus dem 17. Jahrhundert, als in Finnland noch keine (barocke) Kunstmusik existierte, nach (HS Ask 2 10 1896 Finnish National Gallery, CC-Liz.).

Das erstmals 1968 in Kaustinen abgehaltene finnische Sommerfestival rief die Erinnerung an alte folkloristische Formen wach und sorgte für einen um sich greifenden Trend, der an Folk-Bewegungen wie der irischen in den 1970er Jahren erinnert. Schließlich schwappte die Welle auch auf die junge Generation über. Seit den 1990er Jahren feierten Folkbands ihre Erfolge, etwa Loituma, JPP, Värttinä und kantelar, die die Zeit der Runo-Gesänge und die völlig andere der Pelimanni-Epoche in teils neuen Kontexten wiederbelebten.

Literatur u.a.
Järviluoma, Helmi: Local constructions of gender in a Finnish Pelimanni musicians Group. In: Music and Gender. University of Illinois 2000. S. 51 – 79.
– dies.: From Manchuria to the tradition village: On the construction of place via pelimanni music. In: Popular music: a yearbook 19. 2000/1, S. 101.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.