Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LXXI

Chromatisch und ornamental

Emsiges Erschaffen musikalischer Kunstwerke und Wissenschaft müssen sich nicht ausschließen, wie das Beispiel von Maurício Dottori zeigt. Der an der Universität von Paraná lehrende Musikologe wurde 1960 in Rio de Janeiro geboren, wo er als junger Mann die Gelegenheit erhielt, bei dem bedeutenden brasilianischen Klarinettisten José Botelho zu studieren. Komposition erlernte er zunächst autodidaktisch, bevor er sich in diesem Fach Mitte der 1980er Jahre durch einen „Ausflug“ nach Italien, zu Sylvano Bussotti und Mauro Castellano in Florenz weiterbildete.

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Maurício Dottori, „Carioco“ von Geburt, genießt sowohl als Komponist wie auch als Wissenschaftler einen weit über Brasilien hinausreichenden Ruf (Musica brasilis).

Erstaunlich genug, dass er sich fortan mit Intensität parallel beiden Domänen verschrieb, der Kunst und der Wissenschaft; aus letzterer gingen fünf umfangreiche Publikationen hervor. Zahlreiche Preise, davon alleine sechs wichtige brasilianische Auszeichnungen, erhielt Dottori freilich für sein Schaffen als Komponist: Dem kammermusikalischen Largo (1992) für Sopranstimme, Klarinette, Trompete, Posaune, Klavier und zwei Perkussionisten folgte 2001 mit Aqui caíram as asas dos anjos ein großes Orchesterwerk, das seinen Farbenreichtum durch die Amalgamierung etlicher internationaler Stilmerkmale gewinnt, dabei aber immer die Suche nach individuellem Ausdruck spüren lässt, wie es Rodolfo Coelho de Souza beschrieb.

Im 21. Jahrhundert widmete sich Maurício Dottori bislang vor allem dem durch ein größeres kammermusikalisches Instrumentarium angereicherten Kunstlied auf der Basis portugiesisch-brasilianischer Lyrik, wobei er wie Jahrzehnte zuvor schon eine sehr individualistische Kombination wie diejenige aus Klarinette, Flöte und zwei Streichinstrumenten bestehende bevorzugte; sie steht im Zusammenhang mit der von ihm selbst gegründeten Formation Nova Camerata.

Où sont les gracieux galants: Aufführung mit der Flötistin Maria Cavalcanti, dem Klarinettisten Paulo Passos, der Pianistin Katia Baloussier und anderen Solisten (4.10.2013, Musik-Departement der Universität von Rio de Janeiro, funarte)

Für Symphonieorchester schrieb er 2010 das mystisch anmutende programmatische Stück A Rosa trismegista aberta ao mundo. Stilistisch wird ihm ein geradezu gegen die dominierenden Tendenzen der „Postmoderne“ gerichteter Zug attestiert: Er setzt mit Vorliebe eine über die kompositorische Struktur gelagerte Ornamentik ein ebenso wie sich viele seiner Werke durch ihre basale Chromatik vom Schaffen vieler Zeitgenossen unterscheiden.

Maurício Dottori: Où sont les gracieux galants

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.