Korte Metten (01)

Hauptsache Musik

Aber doch nicht irgendwelche! Anbei ein paar rezente Tipps für reuelosen Genuss.

Inventions: „Continous Portrait“ (Temporary Residence)

Inventions – Continous Portrait (Temporary Residence)
Nach ihrem ersten gemeinsamen Album (Maze Of Woods, 2015) erfreuen Matthew Robert Cooper (Eluvium) und Mark T. Smith (Explosions In The Sky) erneut mit Songs und Sounds, denen es gelingt, Hoffnung und Zuversicht zu säen. Bedächtig, anmutig und ohne die dicke Pauke des Postrock zu bemühen, leben ihre zwischen Struktur und Ereignis friedfertig vermittelnden Tracks von einer durchgängig dezent beschwingten Atmosphäre, bei der sich aus Seufzern und Stoßgebeten eine lichtdurchflutete Melancholie destillieren lässt, die nicht nur den akuten Stress des erzwungenen Verzichts abmildert. Sondern zugleich auch die Malaisen der Existenz an sich für eine genüssliche Weile nahezu vergessen lässt.

facebook.com/inventionsmusic

The Bell Monks: „The Sun Will Find You“ (Clang)

The Bell Monks – The Sun Will Find You (Clang)
Noch bedächtiger, ja geradezu rücksichtsvoll jeden Gedankenschritt vorsichtig vollziehend, gehen Jeff Harriott und Eric Sheffield aus Wisconsin auch auf ihrem neuen Album vor. Ergänzt durch Slide-Gitarrist Sven Gonstead, Kontrabassist Ben Willis und Sängerin Heidi Johnson eröffnen hier mehr oder weniger beiläufig zusammengehaltene Songstrukturen jede Menge Raum zur Erlangung einer individuell auszugestaltenden Deutungshoheit, die aus der strikt beibehaltenen Langsamkeit ebenso erwächst wie aus dem Duktus der Musiker, kein Element ihres verdichteten Sounds je sonderlich hervorzuheben. Alles fügt sich einem träg warmen Flow, ideal um ephemeres Ertrinken zu zelebrieren.

facebook.com/bellmonks

 

Field Works: „Ultrasonic“ (Temporary Residence)

Field Works – Ultrasonic (Temporary Residence)
Ähnlich in sich ruhend, wenngleich im Vergleich mit The Bell Monks – vermutlich auch aufgrund zahlreicher Kollaborateure (auch Matthew Robert Cooper, Eluvium ist mit von der Partie) – wesentlich facettenreicher operierend, setzt sich Stuart Hyatt mit Natur-Phänomenen seines Habitats (Indiana) auseinander. Eine besondere Rolle nimmt hierbei eine dort endemisch beheimate und vom Aussterben bedrohte Fledermausart ein. Doch selbst wenn hier wohl erstmalig der Versuch unternommen wird, den Ortungssinn (Echolot) dieser Spezies als kompositorisches Ausgangsmaterial zu verwenden, handelt es sich bei Ultrasonic keineswegs um ein Album voller Field Recordings. Sondern um weitgehend warm arrangierten Ambient, dessen eingestreute Ahnungen liedhafter Muster für einen betont ruhigen Herzschlag sorgen. Vor allem am Abend. Und in der Nacht.

fieldworks.bandcamp.com

 

Arvo Pärt: „Works For Choir“ (Cugate Classics)

Arvo Pärt – Works For Choir (Cugate Classics)
Noch mehr Anlass zu Vertiefung und Kontemplation offerieren elf neu gemasterte (Helmut Erler, (D&M Berlin) Chorwerke des großen Esten. Zwischen 1989 und 1991 entstanden – und bereits 2001 vom Vilnius Municipal Choir Jauna Muzika unter der Leitung von Vaclovas Augustinas – eingesungen, erweist sich diese Veröffentlichung als eine sowohl für Einsteiger als auch für Pärt-Experten überaus lohnende Erfahrung. Die 1968 (Credo) einsetzende Verknüpfung von Sakralmusik des Mittelalters und der Renaissance mit dem eigenen kompositorischen Genius („Tintinnabulum“) findet hier eine kleinformatige Fortführung, deren Repertoirewert kaum von der Güte der Aufführung zu trennen ist. Eine ganz besondere Leistung, Gratulation an Cugate Classics und an alle musikalisch Beteiligten.

facebook.com/Arvo-Part-62537977104

Lean Left: „Medemer“ (PNL Records)

Lean Left – Medemer (PNL Records)
Wenn auch in einem völlig anderen Metier operierend, entfalten Schlagzeuger Paal Nilssen-Love, die beiden The Ex-Gitarristen Teerie Ex und Andy Moor sowie Schnarrwerker Ken Vandermark eine mit Arvo Pärt gleichziehende Intensität. Und das auf über 72 live eingespielten Minuten in sechs Teilen. Dass die Combo bereits seit etlichen Jahren ihren naturgemäß nicht zu bändigen Improv-Jazz zockt, erschließt sich vom ersten schrägen Ton an. Dass es ihnen nichts ausmacht, volles Risiko zu gehen, indem sie sich gegenseitig pausenlos herausfordern, um zu einem berauschenden Ergebnis zu gelangen, könnte als Kaltschnäuzigkeit gewertet werden. Versprühte Medemer nicht so eine kochend heiße Energie, die Gehörgänge ins Fegefeuer zu versetzen versteht.

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The Moms: „Kalipedia“ (Eigenvertrieb)

The Moms – Kalipedia (Eigenvertrieb)
Aber auch dem Genre-Nachwuchs eine Chance: Albert Cirera, Asger Thomson und Taus Bregnhoj-Olesen aus Kopenhagen bringen es anlässlich ihres Debütalbums immerhin auf knapp 40 Minuten durchgängigen Noise/Improv-Wahnsinn. Mit Wucht, uneingeschränkter Durchschlagskraft und einem völligen Mangel an Orthodoxie. Der raue Mix kann das Live-Erlebnis zwar auch hier nicht ersetzen. Aber da wir mit diesem Mangel noch eine Weile werden leben müssen, kommt Kalipedia (schöner Titel!) zur rechten Zeit.

facebook.com/themomsmusic

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