Korte Metten (03)

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In der Wüste ist der Sand billig. Und Bäuche blähen, wie Trommelfelle im Trommelfeuer der sich ständig erweiternden Auswahl. Hier ein wenig Löschsand.

Paysage D’Hiver: „Im Wald“ (Kunsthall Produktionen)

Paysage D’Hiver – Im Wald (Kunsthall Produktionen)
Legenden leiden länger … so auch im Falle der schweizerischen Black Metal Institution, die sich im Winter bevorzugt im Wald verläuft. Um genau dort das Gegenständliche mit Anmaßungen zu vertauschen, die das verkommende Leben zu geißeln versteht. Die Idee, eine Wanderung zum Ausgangspunkt der Meditation zu nehmen, ist nicht neu. Neu jedoch der damit einhergehende Gedanke, dass diese zu begehenden Refugien inzwischen von Borkenkäfern zerfressen werden. Diese Einbildung wird von groß gedachten Kompositionen leidvoll getilgt: Altholz! Aus Freude am Original. Das wütet, wo wir zu verstummen haben. Und – die alsbald erhältlichen Versionen sind allesamt wunderschön geraten (Stichwort: Holz).

facebook.com/PaysagedHiver.Official

Francis Of Delirium: „All Change“ EP (Dalliance Recordings/popuprecords)

Francis Of Delirium – All Change EP (Dalliance Recordings/popuprecords)
Eine eigenartige Melange aus bodenständig verdreckten Grungefolk-Sounds und wohlig prägnanten Pop-Aromen gefällig? Nun, die Kanadierin Jana Bahrich und Chris Hewett aus Seattle funken von Luxemburg aus ihre Preziosen, wenn zunächst auch nur in Form von fünf Songs, die es in sich haben. Geschmeidig und angepisst zugleich, entfaltet sich ein zartbitterer Geschmack von Strychnin-Bonbons (wer ihn mal kosten will, möge sich melden), während mit pikierten Gefühlswallungen entschieden kurze Prozesse gemacht werden. Aber – Quit Fucking Around?! Das wäre nun wirklich zu schade! Man lebt doch nur einmal, oder?!

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Airbag – „A Day At The Beach“ (Karisma Records)

Airbag – A Day At The Beach (Karisma Records)
Der tief-gelegte Auftakt klingt, als hätten Pink Floyd
Wish You Were Here zehn Jahre später erstellt. Oder als habe eine Band wie Muse schon zehn Jahre früher gelebt. Aber diese Referenz-Huberei mag bitte nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei den drei Norwegern etwas faul im Staate Dänemark ist. Ihre stilistische Finesse, mit der sie Prog, Post und Wave ins eins denken, erinnert ans tagtägliche Einfließen von Aluminium in Ameisenhaufen – an Stränden, die Sehnsüchte diktieren. Denn – ist das Gemeinwesen erst korrumpiert, lebt es sich einigermaßen ungeniert. Airbag skizzieren Gemütszustände, die man seinem besten Nachbarn kaum zutrauen möchte. Und dies so dermaßen aufgeräumt und auf den Punkt, dass man sich fragt, warum es überhaupt Drogen gibt, so sich die Malaise doch auch mit klarem Kopf beanstanden lässt. Ein sehr feines Teil, das mit seinen nachdenklich-düsteren Motoren sehr wohl zu wirtschaften weiß.

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Jinka: „No Anything Else“ (Filature Recordings)

Jinka – No Anything Else (Filature Recordings)
Warum die aus Rumänien stammende Wahl-Berlinerin auf ihren Pressebildern stets so bösartig dreinblickt, mag in der brutal überzüchteten Natur ihrer musikalischen Formgebung begründet sein. Doch hierzu besteht kein Anlass, so sehr auch die von ihr avisierten Genres im Grunde nerven. Und nur dann funktionieren, wenn sich der Verstand eine Auszeit gönnt. Jinka klaut indes nicht, sie lässt unerhörte Sounds erklingen; stellt vieles auf den Kopf, was diverse Millionen-Seller („Female Empowerment“ mit zwanzig männlichen Produzenten dezent im Hintergrund) seltsam blass erscheinen lässt. Sia kommt in den Sinn. Jinka artikuliert jedoch einen eigenen Jargon, der kein joviales Wohlwollen einklagt, um erhört zu werden. Wer sich mit Grausen abwendet, mag zwar über ein intaktes musikalisches Gewissen verfügen. Aber sich zugleich auch eingestehen, das ein oder andere Zeichen der Zeit verkannt zu haben.
No Anything Else.

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