Eine antike Marginalie in französischer Oper und Symphonik

Kallirhoë

Weder mit der syrakusischen Braut im antiken Roman Chaireas und Kallirhoë, dessen kommentierte Neuausgabe just im März dieses Jahres erschienen ist, noch mit der mythischen Najade und Tochter des Flussgottes Acheloos, deren Name die „Schönfließende“ bedeutet, hat die Vorlage für André Destouches Oper von 1712 auf der Basis eines Librettos von Pierre-Charles Roy etwas zu tun.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Figur der Najade Kallirhoë, die mit dem bei Pausanias erwähnten Mädchen, das sich dem Dionysos-Priester Koresos verweigert, jedoch nicht identisch ist,, im Schwetzinger Schlosspark (http://www.schoenenberg.info/ schwetzingen/skulpturen/11.html)

Vielmehr griffen Librettist und Komponist auf ein Sujet zurück, das durch Pausanias in seiner Beschreibung Griechenlands im 21. Kapitel des VII. Buches überliefert ist. Demnach liebte der kalydonische Dionysos-Priester Koresos das Mädchen Kallirhoë, das seine Gefühle nicht erwiderte. Dadurch beschwor der Priester einen in der Stadt und ihrer Umgebung grassierenden Wahnsinn hervor, dem er durch die Opferung des Mädchens ein Ende zu bereiten suchte; in letzter Minute erstach er aber sich selbst, worüber Kallirhoë in Schwermut versank …

André Cardinal Destouches (1673 – 1749), Komponist zu Lebzeiten Ludwig XV., komponierte eine Oper, deren Ton bereits auf die Morgendämmerung der Empfindsamkeit vorausweist, über Koresos und das Mädchen Kallirhoë (SP, F DP).

Die emotional aufwühlende Handlung der Marginalie, die dem Iphigenie-Mythos wegen der Opferungsthematik verwandt erscheint, stieß in der frühen Neuzeit im Zuge der Begeisterung für die Antike auf Interesse: Zunächst bearbeitete Antoine de la Fosse 1704 den tragischen Stoff für das Sprechtheater, bevor er wenige Jahre später seinen Weg ins Musiktheater antrat.

Der Rokokomaler Jean-Honoré Fragonard lieferte gewissermaßen die Illustration zu Destouches‘ Oper nach (Selbymay, 10.12.2016, CC-Liz.).

 

Nach André Destouches‘ in spätbarocker Manier ausgeführten Oper, die der Komponist viele Jahre später, nämlich 1743 revidierte, erwies sich der Stoff als wenig populär, wurde aber, angeregt womöglich von Maurice Sands Roman Callirhoé (1863), etwa durch das gleichnamige Ballet Symphonique der berühmten Pianistin Cécile Chaminade (1857 – 1944) wiederbelebt, das am 16. März 1888 in Marseille uraufgeführt wurde. Nur elf Jahre später nahm sich der etwas jüngere, ebenso in Paris geborene und aufgewachsene Komponist Charles Levadé des Stoffs im Gewand seines bevorzugten Genres, der weltlichen – bevorzugt mythologischen – Kantate an.

Cecile Chaminade: Callirhoë – Ballet Symphonique

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.