Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LXXII

In diplomatischen Diensten

Er setzte seine eigenen zahllosen Klavierstücke ab und zu gerne für Orchester, mied aber weitgehend den Gradus ad Parnassum der Symphonie, beschränkte sich bei größer angelegten Partituren auf barocke Formen wie Präludium und Fuge sowie die Suite und schrieb nach einer Sinfonietta 1910 lediglich eine einzige Symphonia

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Mitte 2019 erschien beim Label Selo Sesc das Album ‚O Romantismo de Henrique Oswald‘ mit repräsentativen Beispielen aus der reichhaltigen Kammermusik des Brasilianers (ASIN: B07SS58LKM), gespielt von seinem Wiederentdecker José Eduardo Martins am Klavier und dem Geiger Paul Klinck als Duo.

Henrique Oswald (ursprünglich „Oschwald“) stand lange im Schatten anderer Zeitgenossen, später einschließlich desjenigen von Heitor Villa-Lobos‘, zudem in demjenigen der weltweit an Aufmerksamkeit gewinnenden US-amerikanischen Tonsetzer und wurde erst durch die intensiven Bemühungen seines Generationen später wirkenden José Eduardo Martins wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Henrique Oswald (1852 – 1931) war ein bedeutender brasilianischer Komponist mit deutsch-schweizerischen und italienischen Wurzeln zwischen Romantik und expressiver Spätromantik mit starker Bindung an genuin französische Genres (BR_RJANRIO_PH_0_FOT_37732_004; Arquivo nacional, BR p.d.).

Möglicherweise sorgte seine immer wiederkehrende längerjährige Beschäftigung in diplomatischen Diensten dafür, dass sein musikalisches Schaffen auch für die Nachwelt an Bedeutung verlor. Dabei war Henrique Oswald nicht nur ein bedeutender Pianist seiner von Stilumbrüchen geprägten Zeit, sondern ein fortlaufend emsig arbeitender Komponist, insbesondere in kammermusikalischer Hinsicht. Dies gilt sowohl für die Jahre, die er als Vizekonsul in Le Havre und Genua verbrachte als auch für sein Engagement im Amt des Direktors des Instituto Nacional de Música von Rio de Janeiro.

Henrique Oswald 1907 in Rio de Janeiro, wo er die Leitung des Nationalen Musikinstituts innehatte (Studio Bastos, BR p.d.)

Neben einem Klavier- und Violinkonzert sowie Kompositionen für Geige oder Cello allein entstanden etliche Stücke für reines Streichorchester, daneben drei Opern, darunter eine einaktige mit dem Titel Il Néo, die im Jahr 1900 abgeschlossen wurde, und überwiegend vierstimmige geistliche Musik. Oswalds Klavierstücke knüpfen etwa mit Stücken wie Nocturnes, Romances, Sérénades oder Polonaises an die französische Tradition seit Chopin an und spiegeln den Geschmack der Tanzsäle und Salons in der „gehobenen“ brasilianischen Gesellschaft. Mit Vorliebe orchestrierte er diese auch für Streichorchester. Die späte Aufarbeitung seines Werks, die in den 1970er Jahren einsetzte, sorgte auch für einen Schub mustergültiger Aufnahmen.

Romanza für Streichorchester

Diskographie Henrique Oswald

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.