Korte Metten (7)

Pflichtfortbildung für Betreuungskräfte

Siavash Amini: „A Mimesis Of Nothingness“ (Hallow Ground)

Wer beansprucht, Gehör zu finden, preist sich selbst als kantig und eckig. […] Kantig ist zwar so recht niemand, weil die Verwandtschaft zum Nervenden so nah liegt, deshalb kommt es umso mehr darauf an, dieses von sich zu behaupten.“ (Feddersen, Jan & Gessler, Philipp, „Phrase Unser – Die blutleere Sprache der Kirche“, München [Verlag Claudius] 2020).

Siavash Amini – A Mimesis Of Nothingness (Hallow Ground)
Nachdem vor rund drei Jahren der iranische Klanggestalter anhand seines Albums TAR mit der vorangegangenen Praxis maximaler Konfrontation ein Einsehen hatte, kümmert er sich bevorzugt um die Exploration möglichst fragiler Verästelungen zwischen Wahrnehmung und Deutung. Photographische Arbeiten seines Landsmanns Nooshin Shafiee zum Ausgangspunkt seiner mimetischen Response nehmend, vollzieht Siavash Amini auf diesem immens immersiv zupackenden Album das Hochamt einer furchteinflößenden Abwegigkeit, die sich im Verlauf dazu ermächtigt, vom latent Schürfenden zum tief Schneidenden überzugehen. Bis sich schließlich etwa die Klangästhetik von Raison d’Être (The Empty Hollow Enfolds) als Hinweis zur Verordnung anbietet. Wahrlich nicht die schlechteste Adresse, wenn auch die entsprechende Liegenschaft hier längst zum völligen Erliegen gelangt zu sein scheint.

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Iury Lech: „Ontoanology“ (Amorfik Artifacts/Insolit TRANS1)

Iury Lech – Ontoanology (Amorfik Artifacts/Insolit TRANS1)
In eine vergleichsweise noch tiefgründiger ausgestattete (und doch wohliger anmutende) Kerbe haut der spanische A/V-Pionier Iury Lech auf Ontoanology, – einem Album mit dem es ihm gelingt, die qualitativen Vorgaben seines bisherigen Meisterwerks Música para el fin de los cantos einem gehörigen Stresstest auszusetzen. Konvergenz, Entropie oder auch „dunkle Ökologie“ (nach Timothy Morton): Es hallt vieles wider, wenn berühmte Avunkel – von Steve Reich bis Terry Riley – aus der Ferne das Ebenmaß der vorgelegten Kompositionen sanktionieren. Es herrscht eine formal vorgeblich minimal gehaltene Ganzheitlichkeit, doch die Entitäten verweisen weit über das bar Wesenhafte der klanglichen Ereignisse hinaus. Sogar die üblicherweise wackligen Gefilde von Electro-Dance werden als unaufdringliche Geschmacksverstärker angegangen. Mesmerisierende Lautstärkepegel sollte hier zum vornehmsten Argument erklärt werden, selbst der Fügdarm muss vibrieren.

facebook.com/iurylech

KMRU – „Peel“ (Editions Mego)

KMRU – Peel (Editions Mego)
Joseph Kamaru aus Nairobi zelebriert auf seiner ersten Veröffentlichung für das bestens etablierte Fach-Label Editions Mego einen ambienten Stil, der trotz (oder auch wegen) seiner hochgradig repetitiven Fasson ein generöses Maß an Wärme, Nähe und Empathie zulässt. Ähnlich wie Thomas Köner, jedoch im direkten Vergleich weniger streng an einer thematisch oktroyierten Stase orientiert, operiert KMRU sozusagen am offenen Herzen. Wer angesichts von Peel eine genealogische Verbindung zu Harmonia und Hans-Joachim Roedelius zu erkennen und zu deuten (sic) vermag, dürfte sich sanft gebettet und rundum geborgen wähnen. 74 Minuten, sechs Tracks, ein einziges Einvernehmen. Essentiell wie Zugluft im Stauraum aus Kalomel hudert ein Apeirogon aus Klang und Klängen selbst mental betagteste Gemüter. Let it all flow. Hinfort. Und wieder retour.

facebook.com/K4MARU

Sheriffs Of Nothingness – An Autumn Night At The Crooked Forest, Four Fireplaces (SOFA)

Sheriffs Of Nothingness – An Autumn Night At The Crooked Forest, Four Fireplaces (SOFA)
Das es noch verdichteter (aber zugegebenermaßen auch wesentlich nervöser) zugehen kann, legen Kari Rønnekleiv (Geige) und Ole-Henrik Moe (Bratsche) nahe. So beschreiben sie den immobilen Charakter kontrolliert offenen Feuers, und lassen den Gegenstand ihrer Beobachtung – indem sie das Oxymoron Veränderung/Persistenz gleichermaßen aushöhlen wie kernsanieren – in situ. Wenngleich auch ein entsprechender Wille zur Nachvollziehbarkeit vorausgesetzt werden muss (selbst dem Improv generell nicht abgeneigte und entsprechend elastische Gemüter werden hier einem Lackmustest unterzogen), erfüllen die erneut in einer kleinen Waldhütte bei Oslo aufgenommenen Tracks den Anspruch, die Erscheinungswelt an einer Stelle zu packen, mit der sie (als beseelt vorausgesetzt) wohl kaum gerechnet haben dürfte. Mit weitaus mehr Musikalität als „Musik“ im landläufigen Sinne.

sofamusic.bandcamp.com

Automatisme: „Terrain Reduction“ (G89 Records)

Automatisme – Terrain Reduction (G89 Records)
So vermutlich auch die in den frühen vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu Quebec gegründete (bildende) Künstlergruppe „Les Automatistes“ mit Pate gestanden haben, bezieht sich der von ebenda stammende Sound-Experimentalist Automatisme vornehmlich mit einer temporär non-linearen Rekonstruktion von Clicks & Cuts à la Mille Plateux (Frankfurt/Main). Auf Anhieb erstaunlich an der Chose ist die auf gerade mal 24 Minuten komprimierte Varianz der auf dieser EP gebotenen Ereignisse. Wobei die betont technoid belassenen Elemente eine frappant psychedelische Note aufweisen, die in ihren verharrenden Momenten sogar Assoziationen zur (frühen) Eleganz des Keyboard-Einsatzes eines Richard Wright zulassen. Ferner wird ein jedes Knistern aufgeladen, aufgegriffen und sinnvoll fortgesetzt. Nichts bleibt Stückwerk oder nur blindes Vertrauen. Das Gebiet wird nicht nur abgesteckt (und in Ansätzen kartographiert). Sondern auch bestellt. Früchte des Feldes, seid erhört!

facebook.com/g89records

Vladislav Delay / Sly Dunbar / Robbie Shakespeare: „500-Push-Up“ (Sub Rosa)

Vladislav Delay / Sly Dunbar / Robbie Shakespeare – 500-Push-Up (Sub Rosa)
So manchem Zeitgenossen dürfte der Finne Sasu Ripatti aka Vladislav Delay als Score-Entwickler für die TV-Serie Artic Circle im Gedächtnis verhaftet sein. Von denjenigen mal ganz abgesehen, die überdies dazu neigen, sich mit dem Spannungsverhältnis von Electronica und Dub – ganz im Sinne von Lee Perry oder Adrian Sherwood – auseinanderzusetzen. In Kingston – gemeinsam mit den dortigen Koryphäen Sly Dunbar (Drums) und Robbie Shakespeare (Bass) ersonnen und in der Nähe der baltischen See exekutiert, führt Vladislav Delay mit 500-Push-Up also das von ihm ersonnene Nordub-Projekt fort. „Heisskalt mitreißend“, könnte auf einem profanen Kleber postuliert werden, um das Artwork marktschreierisch in eine vorübergehende Mitleidenschaft zu ziehen. Doch angesichts jener Volumina, die hier einen auf ganz dicke Faust machen, ohne dabei den ursächlich organischen Vibe und Groove zu desavouieren, gehören klare Worte auf den Tisch. Und die von dessen Platte zu Boden gerollten Bröckchen erweisen sich als abtrünniges Ohrenschmalz. Doom that Dub!

facebook.com/therealvladislavdelay

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