Mit Sinn für historisches Instrumentarium: Calliope Tsoupaki

Neorenaissance?

Ganz anders als im 18. und 19. setzte sich Ende des vergangenen Jahrhunderts, bedingt durch die Bewegung der sogenannten Mittelalter-Musik, auch der Gebrauch von Instrumenten der langen Epoche vor dem Zeitalter der Vokalpolyphonie durch.

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Auf dieser CD erklingt Kammermusik der griechischen Komponistin Calliope Tsoupaki (ASIN: B01MYLH0R5, Cybele Records).

Den Anstoß hierzu mag Carl Orffs Vertonung der Carmina Burana aus einem mittelalterlichen Buchcodex als Kantate (1935/36) gegeben haben, auch wenn sich mit Respighis und Strawinskys Rückbesinnung auf das Barock und die Empfindsamkeit bereits „neoklassizistische“ Tendenzen etabliert hatten.

In Gestalt eines Don Juan sucht der Teufel Mariken van Nieumeghen im gleichnamigen Mysterienspiel Anfang des 16. Jahrhunderts zu verführen (Jan van Doesborch, ca. 1518, NL p.d.).

Mögen die Formationen, deren romantizistisch nachempfundene Klangwelt des Mittelalters auf Märkten und anlässlich nachgespielter Ritterturniere präsent ist, auch nicht grundsätzlich um Authentizität im Verständnis historischer Aufführungspraxis bemüht sein, so eröffnet die Musik der griechischen, heute in den Niederlanden lebenden Pianistin und Komponistin Calliope Tsoupaki eine andere Art des Zugangs zur frühe(ste)n Neuzeit, aus der weltliche Mehrstimmigkeit selten überliefert ist. In ihrer oratorienhaften Oper aus dem Jahr 2015 um das mittelniederländische Mysterienspiel Mariken van Nieumeghen greift sie ganz bewusst auf Instrumente der Zeit und auch des Mittelalters zurück. Allerdings ist die musikalische Gestaltung als solche der Moderne verpflichtet, wenn auch die „atmosphärische“ Klangwelt der Borduntöne und anderer spezifischer Merkmale der Zeit zwischen 1400 und 1600 immer mitschwingt.

Die Drehleier ist Teil der mittelalterlichen bzw. frühneuzeitlichen Sektion in Tsoupakis Instrumentation ihrer Oper (Alto-Drehleier von Wolfgang Weichselbaumer, 2006, CC-Liz.).

Drehleier, Harfe, drei Blockflöten und Portativ tragen den klanglichen Renaissance-Rahmen von Tsoupakis Oper, zu denen sich Instrumente des modernen Symphonieorchesters gesellen. Der Rekurs auf frühe Musik leitete die einstige Schülerin von Yannis Joannidis in Athen und Louis Andriessen in Den Haag übrigens bereits in Charavgi (1994) für Renaissance-Altblockflöten sowie in ihrer Lucas Passion von 2008, in der sie die Melodik des griechischen Mittelalters, der byzantinischen Zeit, verarbeitete und mit der sie beim Holland Festival in demselben Jahr auf interessierte Ohren stieß.

Offizielle Website Calliope Tsoupaki

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.