Korte Metten (9)

Auf Schlafentzug

Denn wer schläft, der sündigt auch beim Aufwachen. So seien unsere Sleeptimer und Wecker folgendermaßen frisch bestückt:

The String Theory: „The Los Angeles Suite“ (Project C/Warner)

The String Theory – The Los Angeles Suite (Project C/Warner)
Auch wenn der Termin zur CD/Vinyl-Veröffentlichung nun schon zum wiederholten Male verschoben wurde (zurzeit ist der 25. September im Gespräch), ist es höchste Eisenbahn, diese außergewöhnliche Produktion gebührend hervorzuheben. 2006 von PC Nackt und Ben Lauber zu Berlin aus der Taufe gehoben, konnte sich das in wechselnder Besetzung agierende Crossover-Ensemble seitdem einen hervorragenden Ruf erspielen, eine Grammy-Noninierung inklusive. Auf „The Los Angeles Suite“ scheinen nun sämtliche Erfahrungen einzufließen, die The String Theory mit der Zeit vollkommen genreübergreifend sammeln konnte. Herausgekommen ist dabei ein atmosphärisch hochgradig verdichtetes Konglomerat, das bei fragilen Folk-Skizzen ansetzt und vor opulent-orchestralen Arrangements zurückschreckt. Dabei fasziniert die Selbstverständlichkeit, mit der hier zu Werke gegangen wird. Und wie es gelingt, unerhörte Brüche kaum noch als solche dechiffrieren zu können. Dass The String Theory im Zuge dessen auch beträchtlichen Schwankungen der emotionalen Fassung keineswegs abgeneigt zeigt, unterstreicht jene Vitalität der Unternehmung, die jeglichen Verdacht einer verkopften Sterilität im Kein erstickt. Wer dennoch eine Schublade aufziehen möchte, läuft Gefahr sich zwischen Neo-Klassik, dem Cinematic Orchestra, den Neubauten oder schlichtweg all jenen Acts zu verlaufen, die konzeptionelle Eigenart in außeralltäglichen Musikgenuss umzumünzen verstehen.

facebook.com/wearethestringtheory

Tim Bowness: „Late Night Laments“ (Inside Out/Sony Music)

Tim Bowness – Late Night Laments (Inside Out/Sony Music)
Glasklar produziert von dem über alle Zweifel erhabenen Spannmann Steven Wilson (es sei an das gemeinsame Projekt No-Man erinnert), becirct der sanfte Crooner Bowness auch auf seinem mittlerweile sechsten Solo-Album. Indes scheint sich der stets etwas schüchtern wirkende Barde von Album zu Album mit einer tröstlich stimmenden Entspannung anzufreunden, die das Pfund seiner Themen in federleicht anmutende Gefilde transferiert. Die Songs gewordenen Seufzer kommen ihm nun mit einer nahezu messianischen Gravur über die Lippen; trübe Nachtgedanken verwandeln sich in Preziosen aus reflexiver Einsicht, gediegenem Achselzucken und exakt dosierter Hypnotika. Dabei gilt: Je mehr sich Bowness gegenüber konventionellen Songformaten emanzipiert und sich – in ephemeren Nuancen – der taktisch gewieften Abweichung widmet, desto unwiderstehlicher gelingt es ihm, jene Stimmung zu exemplifizieren, die nicht zuletzt das Artwork suggeriert. Der Sahnetrack Hidden Life sei hierfür als Paradebeispiel hervorgehoben.

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Lasse Passage: „Sunwards“(Sofa Songs/Sofa Music)

Lasse Passage – Sunwards (Sofa Songs/Sofa Music)
Noch zurückhaltender (und somit auch eine noch höheres Maß an luzider Aufmerksamkeit erfordernd) geriert sich der norwegische Singer/Songwriter und klassisch ausgebildete Produzent Lasse Passage auf dem dritten Album unter eigener Flagge. Dennoch ist Vorsicht geboten. Denn unter den zunächst einmal betont harmlos erscheinenden Oberflächen entfaltet der den Insignien der Lo-Fi Kultur keineswegs Abgeneigte ein ziemliches Wirrwarr aus Spurenelementen, die der Dramaturgie des Geschehens recht subtil zuarbeitenden. Dabei verläuft sich nicht die kleinste Volte in beiläufige Gefilde. Leicht überspitzt formuliert, insistiert auf Sunwards jeder Ton, jede Entäußerung, auf seine/ihre janusköpfige Ambivalenz. Das Spannungsverhältnis aus kalmierender Sorglosigkeit und (beinahe) unterschwellige Regung reizt Lasse Passage ungemein clever aus: ein Wolf von Album im Schafspelz, sozusagen.

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Death Bells: „New Signs Of Life“ (Dais Records/Cargo)

Death Bells – New Signs Of Life (Dais Records/Cargo)
Bevor es heuer doch zu ruhig angeht, hier noch ein Push (bzw. Wake-up Call) zum Schluss: Auf rund 25 Minuten feuert das mittlerweile in den USA ansässige Duo aus Australien perfekt kalibrierte Salven aus sarkastisch gewürzten Hurra-Indie-Rockern und unheilschwangeren Postpunk-Klickern ab, die in ihren dezidiert flotten Auswüchsen etwa an die (wohl verblichenen) Diego und in den durchaus vorhandenen, von Keyboard-Schmelz umgarnten Schmeichlern an Legenden wie etwa Sad Lovers And Giants gemahnen. Wenn dann ein Track wie Two Thousand And Twenty auch noch Erinnerungen an Protomartyr aufkommen lässt, sei zur Genüge die Vielfalt und Güte umschrieben, die Will Canning und Remy Veselis mit New Signs Of Life zur (freien?) Verfügung stellen. Erwachet!

facebook.com/deathbells

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