Korte Metten (10)

Alltag als Übung

Pinkcourtesyphone: „Leaving Everything To Be Desired“ (Room40)

Teehäuser, Welten und andere Räume: Zur Akklimatisierung ans jeweils angemessene Betragen sowie zur Wahrung von Anstand und Sitte vor Ort (…) mögen diese Empfehlungen ihren Dienst wohl nicht versagen. Ihr dürft sie auch zum Ethik-Unterricht mitbringen (Sekundarstufe Abendrot).

Pinkcourtesyphone – Leaving Everything To Be Desired (Room40)
Seiner Vorliebe für eine überwiegend in schmuckem Altrosa gehaltene Optik bleibt Richard Chartier auch auf seinem ab dem 25. September erhältlichen, neuen Album treu. Doch auch seine Präferenz für melancholisch-verzweifelte Stimmungen findet auf Leaving Everything To Be Desired ihre allgemeingültigen Ausformulierungen. So mannigfaltig die zum Tragen kommenden Klangquellen harmonische Verhältnisse auch vorgaukeln, an der lustvoll niederschmetternden Essenz gibt es nicht den geringsten Zweifel. Es sei denn, man ist imstande, den öfters gerne ins Bodenlose abgleitenden Arrangements einen sehr gewissen Sinn fürs Humoreske anzuhören, der die Absenz von versöhnlichen Begierden bewusst zur Untermalung einer genüsslich vollzogenen Freizeitgestaltung (möglicherweise) zweckentfremdet. Jedoch ist es nicht an Richard Charter, hinsichtlich einer korrekten Rezeption Handläufe anzubieten. Seine nach Art von Schwellkörpern konstruierten Drone-Collagen machen letztlich nur dort keine Gefangenen mehr, wo die Erfahrung von mentalen Verwerfungen und das Verständnis für die Freuden einer radikalisierten Selbstentwertung auch nach diesem Album zur Tagesordnung überzugehen vermögen. In jedem Fall beeindruckt, in geglückten Momenten stets reich beschenkt.
facebook.com/richardchartiersound

Lukas Lauermann: „I N“ (col legno music)

Lukas Lauermann – I N (col legno music)
Anschließend empfiehlt sich eine Gabe von Wehmut und Trost, so wie sie in etwa der österreichische Cellist Lukas Lauermann auf I N bereithält. Dass er bereits für jede Menge klangvolle Namen (Soap&Skin,, Der Nino aus Wien, Tocotronic oder gar André Heller) an den Start gegangen ist, erweist sich im Hinblick auf die Würdigung von I N als bemerkenswert, da sich hierin die Zugänglichkeit seines Schaffens anzudeuten vermag. Das Experiment, die Ausweitung der viersaitigen Kampfzone auf Electronics und Piano, stellt der 35-jährige in den Dienst einer jederzeit nahbaren Emphase nostalgischer Erörterung. Bei ihm darf das Cello menschlich klingen, wenngleich das Prädikat der „Wärme“ in dieser Hinsicht wohl eher einer Art Wunschdenken entspricht. Anders gesagt: Würde es dem humanen Repertoire öfter gelingen, eine sensible (um nicht zu sagen zarte) Kraftentfaltung an den Tag zu legen, dürfte sich die schleichende Ranküne allenthalben in Wohlgefallen auflösen. I N bietet hierzu einen verführerischen Vorgeschmack, – wenn dieser auch als Psychopomp für die Bemühung des Klischees verregneter Sonntage durchaus infrage kommt.
facebook.com/lauermannlukas

Martin Taxt: „First Room“ (SOFA)

Martin Taxt – First Room (SOFA)
Wesentlich abstrakter, aber nicht minder effektiv setzt sich der First Room des mikrotonalen Tubisten Martin Taxt fest. Live und an der Seite von Inga Margrethe Aas (an Bass und Gambe) eingespielt, wird der Eindruck geometrischer Strenge (am Beispiel von japanischen Teehäuser in Tatami-Ausstattung) aufgegriffen, versinnbildlicht und wieder neu figuriert. Begrenzungen sind für Taxt und Aas also zum Variieren da. Somit wäre auch der flächendeckende Charakter der gut fünfunddreißig Minuten Klangerlebnis umschrieben, der mit zunehmender Dauer das anfänglich eher bloß lose Vorgeformte wieder festigt und auf eine klare Verbindlichkeit des Ausdrucks zielt und zieht. Sollte es sich hierbei um eine Demonstration konstruktiver Intelligenz handeln? Muss nicht, doch eine kluge (bis kühne) Aufteilung des gegebenen (Klang-) Raums macht diese Veröffentlichung zu einer intelligiblen Herausforderung, die anzunehmen mehr Interesse als Mut erfordert.
facebook.com/mtaxt

Faction: „The End Of Tel Aviv Redux“ (False Industries)

Faction – The End Of Tel Aviv Redux (False Industries)
Lange Geschichte, kurz zusammengefasst: Als Pioniere der israelischen IDM-Electro-Szene spielten Rani Golan und Yair Etziony The End Of Tel Aviv bereits 2004 ein. Nun legten sie nochmals Hand an, tauschten ein paar Tracks aus und lassen ihre frühe Köstlichkeit in neuem Graulicht erstrahlen. Fraktalisiertes Gefrickel oder Clicks and Cuts in Reinkultur bleiben nach wie vor außen vor. Vielmehr exerzieren die beiden Vorreiter einen relaxten, angenehm abgedunkelten Sound, der sich – nicht zuletzt – aus dezenten Downtempo- und vollmundigen Ambient-Partikeln speist. Dass die kongenialen Kollegen mittlerweile gemeinsam mit Musikern wie Frank Bretschneider, Ulrich Schnauss oder Johnny Klimek agierten, liegt nahe. Ebenso das kürzlich erschienene und gleichermaßen vorzügliche Solobalbum des Wahl-Berliners Yair Etziony, We Were Here Before, We Will Be Here After.
false-ind.com
falseindsutries.bandcamp.com

Scorpio 70: „Space Madness“ (Schwarz Neon Licht)

Scorpio 70 – Space Madness (Schwarz Neon Licht)
Und so es einem Yair Etziony gefällt, lässt er uns auch an formal abwegigen Projekten teilhaben. So etwa mit der 26-minütigen Space Madness, die 2015 im Kibbutz Beit Oren im Gebirge Carmel mit den Psychonauten von Scorpio 70 (Barry Berko, Guy Bibi, Benjamin Esterlis) innerhalb von zwei Tagen ihre abgedreht-krautige Form annahm. Sie soll angeblich auch von üblen extraterrestrischen Zombies bevölkert sein. Und irgendwie schwingt sogar ein gewisses Italo-Splatter-Flair mit (Goblin etc.). Eine rundum ansprechende Angelegenheit , die nun wirklich viel zu schade war, um unveröffentlicht zu bleiben. Um abschließend einmal Hawkwind aufzugreifen: „Do not panic, it’s just Scorpio 70“.
neonlicht.bandcamp.com

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