Wider die Ästhetik des Pathos

Angemessenheit

Das Anlegen werblicher Maßstäbe an die Gestaltung von Dokumentationssendungen im Fernsehen, auf der Leinwand oder in Internet-Channels, sei es zu Themen wie Pflanzenwachstum, Flussbegradigung oder Labortechnik, führt regelmäßig zur Verzerrung des eigenen Anspruchs, nämlich dem Publikum in angemessen sachgerechter, wenn auch zwangsläufig populärwissenschaftlicher Form neueste Erkenntnisse der (naturwissenschaftlichen) Forschung zu präsentieren.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Russell E. Glaue: Künstliche Intelligenz komponiert (12.5.2011, http://russ.glaue.org/proj/ai-music/)

Insbesondere das akustische Design überhöht meist, um den jeweiligen Gegenstand effektvoll in Szene zu setzen, den Aussagegehalt in pathetischer Weise. Vielleicht liegt dieser Feststellung ein Mangel an Komponisten zu Grunde, die auf das Feature spezialisiert sind. Wird häufig wenig geeignete, da nicht genau für den Zweck geschriebene Musik verwendet und wird in Zukunft dafür überwiegend Künstliche Intelligenz bemüht?

Jacques Yves Cousteau (1910 – 1997) auf dem Forschungsschiff Calypso (US p.d.)

Vorbild für die frühe, bereits seit Ende der 1950er Jahre identifizierbare Tendenzen musikalischer Illustration in audiovisuellen Dokumentationen ist natürlich der auf der Ästhetik des Theaters basierende Kinofilm. Anleihen bei Abenteuerfilmen nach dem Zuschnitt der Meuterei auf der Bounty nahmen Expeditionsberichte, etwa diejenigen des Tauchers Jacques Yves Cousteau gerne, denn die Suggestivität der Musik in den fiktional basierten Genres eignete sich zur dramaturgisch steigerbaren Sequenzierung von Szenen, in denen nicht per se narrativ angelegte Beobachtungen und Forschungsergebnisse den nüchternen Hintergrund bilden.

Der künstlerische Blick: ‚Ocean Lookout‘, Gemälde des aus New Jersey stammenden Malers Maritess Sulcer (30.12.2018, OTRS)

Dabei übt auch die „stumme“ Natur etwa eines Korallenriffs seine ganz eigene Faszination auf die Zuschauer aus, ohne dass sie einer kunstsinnigen Begleitung oder Kommentierung bedürfte, die nicht selten die Aufmerksamkeit ablenkt, da sie in der überwiegenden Zahl der Fälle an der spezifischen von seiner Semantisierung abhängigen Ästhetik des Gegenstands vorbeigeht und dessen Eindruck verwischt oder verzerrt. Eher selten entwickelt sich Filmmusik zu Dokumentationen aus dem „Kern“ des Dargestellten selbst. Ein gelungenes Beispiel für Mimesis auf der Basis der Sache stellen zum Beispiel Else Marie Pades Aquarellen über das Meer dar aus den Jahren 1968 bis 1971, die jeder gefilmten Unterwasserexpedition zu ihrer Entstehungszeit und im Anschluss an Cousteau zur Ehre gereichen würden …

Literatur u.a.
Hans Mathias Kepplinger: Einfluss von Musik auf die Interpretation von Filmhandlungen. In: Nonverbale Medienkommunikation. Wiesbaden 2010. S. 175 – 192.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.