Korte Metten (11)

Fünf neue Stadien der Erregung

Panzerballett: „Planet Z“(Gentle Art Of Music/Soulfood)

In diesem idyllischen Tief darf man sich keine Blöße geben. Oder deuten sich in dieser Verhaltensregel bereits die ersten Langzeitfolgen des Entzugs von Live-Club-Konzerten an? Eine Antwort verweigern die Konserven, das Phänomen virulent um sich greifender Durchblutungsstörungen bleibt im Grundsatz vage.

Panzerballett – Planet Z (Gentle Art Of Music/Soulfood)
Es ist der ungewohnte Wahnsinn, den Jan Zehrfeld auch auf seinem siebten Studioalbum mit Panzerballett in technisch absolut erhabener Weise auf die Menschheit loslässt. Diesmal stehen gleich sechs Ausnahme-Schlagzeuger (u.a. Marco Minnemann, Virgil Donati, Gergo Borlai) Gewehr bei Fuß, um mit unerhörter Virtuosität und jeglicher auch nur denkbaren Präzision das Metal-Jazz-Amalgam des Planeten Z aus der Umlaufbahn zu werfen. Natürlich kommt dabei der für Zehrfeld so typische Irrwitz nicht zu kurz. Es sei in diesem Zusammenhang nur auf die Walkürenritt-Adaption, das Stones-Zitat oder die grandiose Verballhornung des Morse-SOS hingewiesen. Doch auch die Blechbläser lassen sich nicht lumpen. Und tuten vehement in sämtliche Hörner, die ihnen im Laufe des hochgradig erregenden Geschehens in die Quere kommen. Allerdings geht die intergalaktisch wilde Sause, die zuvor noch als unvereinbar Erachtetes zusammenschweißt, auf Kosten jenes Metal-Faktors, den Panzerballett früher auszeichnete. Die Gitarrenarbeit geriert sich (entsprechend) kaum mehr dominant. Doch – was heißt das schon? Angesichts eines Albums, das vor Ideen und Klangquellen nur so birst. Und dennoch dazu geeignet ist, in einem Aufwasch genossen zu werden. Wer jedoch das primär metallisch geformte Absurditäten-Kabinett aufzusuchen wünscht, suche lieber Neptunian Maximalism auf. Dort werden ja hin und wieder auch in geraden Metren schönste Lärmkomplexe fabriziert.
facebook.com/Panzerballett-177186085648197

Hint: „Rareties Of Two Centuries“ (Atypeek Music/Bruillance)

Hint – Rareties Of Two Centuries (Atypeek Music/Bruillance)
Für abenteuerlich fundierten Noiserock – mit Genregrenzen mühelos überwindender Attitüde – sorgt das französische Duo Arnaud Fournier (Dead Hippies) und Hervé Thomas (Urawa) bereits seit 1993. Diese Erfahrung macht jedoch nicht nur klug, gewieft und selbstsicher. Sondern fundamentiert auf diesem Longplayer ein Stelldichein brillanter Ideen, die aufgrund ihrer widerborstigen Inszenierung das Nervenkostüm gehörig zum Flattern bringen. Die schnöde Dampfwalze haben Hint hierzu indes nicht nötig. Vielmehr überzeugen die Rarities Of Two Centuries mit jener kunstfertigen Magie, die aus Dissonanz Wohlklang abschüttelt und mit scheinbar klaren Strukturen Irrgärten anlegt. Es ist also höchste Zeit, um Hint auch hierzulande zu entdecken, wo französische Underground-Acts leider noch viel zu oft nicht gebührend wahrgenommen werden.
facebook.com/hintenebris

Tim Engelhardt: „Idiosynkrasia“ (Stil Vor Talent/Zebralution)

Tim Engelhardt – Idiosynkrasia (Stil Vor Talent/Zebralution)
In Fachkreisen genießt der aus Köln stammende Techno-Innovator Tim Engelhardt bereits heute einen ausgezeichneten – und international abstrahlenden – Ruf. Diesen verfestigt er nun mit seinem Album Idiosynkrasia, das nicht zuletzt aufgrund seines geradezu narrativ veranlagten Charakters besondere Aufmerksamkeit verdient. Denn obwohl die variabel ausgewählten und flächig inszenierten Beats kaum einen Zweifel an ihrer Clubtauglichkeit aufkommen lassen, darf sich der geneigte Unterwegs- oder Daheim-Hörer gerne darauf gefasst machen, von persönlichen Erinnerungen, Ansichten und Deutungen entführt zu werden, welche – direkt aus dem Erfahrungsschatz des Tim Engelhardt stammend – eine unaufdringliche Lesbarkeit transportieren, mit der sich angenehme Stadien angeregter Entspannung locker erreichen und genießen lassen. Mit dramaturgisch klugen Wendungen gespickt, in sich geschlossen und vollmundig produziert geht Tim Engelhardt hier weit über das hinaus, was man gemeinhin von einem konventionellen Techno-Album erwarten darf.
facebook.com/tim.engelhardt.artist

Bear’s Den & Paul Frith: „Fragments“ (Caroline International)

Bear’s Den & Paul Frith – Fragments (Caroline International)
Von einer speziellen Orchester-Show Ende 2018 (sowie der langjährigen Kooperation im Studio) nachhaltig ermuntert und ermutigt machen Andrew Davie und Kev Jones nun auch auf Albumlänge gemeinsame Sache mit dem bestens beleumundeten Komponisten und Arrangeur Paul Frith (The xx, Radiohead). Dabei hat sich der Freund einer Auswahl von bereits bekannten BD-Songs angenommen, die er zunächst in Eigenregie und in anschließender Absprache mit ihren Urhebern ein weiteres Mal aus der Taufe hebt. Tatsächlich wird selbst ein erklärter BD-Kenner hin und wieder irritiert aufhorchen – und sich wundern, welche zuvor noch verborgenen Pfade Paul Frith in dem vorgegebenen Song-Material neu aufgefunden und verfolgt hat. Angeblich war es das erklärte Ziel der Unternehmung, auch an sich bereits bewährt großartige Songs – von Fuel On The Fire bis Napoleon – „neu auszuleuchten“ (Andrew Davies). Nun, diese Operationen am sozusagen offenen Herzen sind allesamt geglückt. Um vier brandneue, rein instrumentale Tracks atmosphärisch stimmig ergänzt, erblüht gut gereifte Schönheit in neuer Fasson. Wobei die Abfolge nahe legt, dass es sich bei Fragments, entgegen seines Titels, um eine in sich geschlossene Angelegenheit handelt, die sich alle Freiheiten nimmt. Und doch den oftmals wunden Kern der Songs schonend beibehält. Berührungsängste bleiben – als vorweggenommene Rezeptionsleistung – bitte außen vor.
facebook.com/bearsdenmusic

Paul Armfield: „Domestic“ (popup media)

Paul Armfield – Domestic (popup media)
Wer die zum Teil euphorisierenden Bear’s Den-Variationen wieder etwas zu erden gedenkt, greife dieser Tage bevorzugt zum siebten Album des britischen Folk (Noir)-Barden Paul Armfield. Denn es gelingt ihm (erneut) dräuend düstere Gedankengänge in beruhigend überschaubare Arrangements zu kleiden, mit denen es sich – bei aller Betroffenheit – gut durchatmen lässt. Jedoch würde es zu kurz greifen, wollte man Domestic nur einem einzigen Effekt dienlich machen. Denn Paul Armfield ist unter seiner heimeligen Oberfläche viel zu ehrlich, um eindimensional haftende Trostpflästerchen zu verteilen. Manchmal droht das Schmerzhafte seiner mit uns geteilten Lebenserfahrung und Selbstanalyse gar Überhand zu gewinnen. Und sich gehörig an der allgegenwärtigen Wärme der Intonation zu reiben. Somit erinnert Paul Armfield hier stärker als zuvor auch an die Anfänge von Lambchop, bei denen einem das befriedete Lächeln schon mal verrutschen konnte. Nichtsdestoweniger bietet sich Domestic in herausragender Weise dazu an, ins Herz geschlossen und genau dort immer wieder pochend umarmt zu werden. Ein Manifest durchdachter Zärtlichkeit in grundfalsch verlaufenden Zeiten, wenn man so will.
facebook.com/thepaularmfield

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