Korte Metten (12)

Zorn aufs Korn

Neànder: „Eremit“ (Through Love/Indigo)

Kann vorkommen: Meinen, an Tollwut erkrankt zu sein. Nur um zweierlei festzustellen, wenn es zu spät ist: Man rast zurecht. Hunger blieb unentdeckt und nicht gestillt. Tant(e) Pis grüßt schöne Muttis.

Neànder – Eremit (Through Love/Indigo)
Ab dem 9. Oktober erhältlich: das Zweitwerk des „Instrumental-Kollektivs“ Neànder. Ein Album, das in vollkommener Konsequenz die Idee möglichst schwer lastender Post Metal/Rock-Elegien fortführt, die auf zermürbende Weise befreiende Effekte triggert. Wie weitgehend entschleunigte Cult Of Luna in stoischer Mission (das Mastering verantwortet übrigens deren Magnus Lindberg). Wie modern kaschierter Doom, so es sich dabei nicht um einen inneren Widerspruch handelt, den Neànder gleichsam brüsk wie beiläufig auflösen. Das selbstverständlich hoch dosierte Nettogewicht überlässt dabei – stets auf eigentümlich schillernde Weise – auch und insbesondere melodisch entzückenden Brechungen die wahre Breitseitenwirkung. Insgesamt trumpft hier die tadellose Erzeugung einer Wucht monströser Wallungen auf , – so diese auch den Mut zu einer Empfindsamkeit in sich tragen, die sich ihrer wehmütigen Qualitäten nicht schämt. facebook.com/neanderhorde

B R I Q U E V I L L E: „Quelle“ (Pelagic Records/Cargo)

B R I Q U E V I L L E – Quelle (Pelagic Records/Cargo)
Dass es in ähnlichen Gefilden noch weitaus rudimentärer zur Sache gehen kann, stellt der sich gerne mysteriös gebende Fünfer aus Flandern auf seinem am 2. Oktober erscheinenden Album Numero drei unter Beweis. Auf rechtschaffene Vorhersehbarkeit angelegte Riffs werden auf enervierende Weise ein ums andere Mal durchexerziert, – so lange bis der Krug auf dem Weg zum Brunnen in unzählige angezählte Nervenzellen zerbricht. Dieses repetitive Prinzip mündet jedoch keineswegs in krautige Duselei, sondern haut nachdrücklich immer wieder in die schwärenden Kerben restriktiv gezimmerter Echokammern, in denen – zu allem rationalisierten Überfluss – auch noch bodenlose Übel verheißende Extra-Sounds Unbehagen der Premium-Klasse schüren. Ein verdammt hart zu nagender Knochen, dem es trotz seiner Unerbittlichkeit kaum gelingt, zu missfallen. Und auch das mysteriöse Etwas bleibt voll und ganz erhalten.
facebook.com/briqueville

Spook The Horses: „Empty Body“ (Pelagic Records/Cargo)

Spook The Horses – Empty Body (Pelagic Records/Cargo)
Was sich bei B R I Q U E V I L L E angestaut hat, darf sich anhand des vierten Albums des aus Wellington (Neuseeland) stammenden Quintetts fett sprießend gütlich entladen. Und zwar in einer Weise, die der betont zurückhaltend gehaltene Vorgänger People Used To Live Here kaum in Aussicht stellte. Es zerbirst der Glaube an Gemütlichkeit, längst überfälliger Eiter darf sich endlich ergießen: In die dampfgestrahlt kaputte Welt, auf dass der olle Körper sich entleere. Den hierzu nötigen Druck auf von gerechtem Zorn verstopfte Poren bauen STH im Handumdrehen auf, die in diesem Sinne exzellent angriffslustige Intonation schmettert das Hohe Lied der Vehemenz. Doch sobald der erste Eindruck eine genauere Betrachtung erlaubt, wird deutlich, dass der scheinbar ungebändigte Furor sehr wohl einer wohl durchdachten Dramaturgie Folge leistet, die letztlich das substanzielle Pfund dieser Ausnahmeband zu abzuwiegen vermag. Ein bisschen (noch) mehr darf es diesmal durchaus nicht sein.
facebook.com/spookthehorses

A Shape: „Iron Pourpre“ (Jelodanti Records/Atypeek Music)

A Shape – Iron Pourpre (Jelodanti Records/Atypeek Music)
Elegant verschlungen-verschlingend erodierender Noise-Rock mit unverkennbarer Sonic Youth-Ausbildung im Waffenarsenal offeriert der Heliogable-Ableger aus Toulouse, samt der stets provokant aufbegehrenden Stimme von Sasha Andrès, die sich fauchend an jenem Tauchsieder abregt, mit dem auf Iron Pourpre sämtliche Saiten offenbar gestimmt wurden. Dabei legt es der Vierer kaum darauf an, mit strikter Berechenbarkeit zu punkten. Von wegen! Stattdessen werden Konstruktion und Destruktion aufeinander gehetzt, bis die Tracks ihr janusköpfiges Geflecht aus Berechnung und Ekstase soweit in Aufruhr versetzt haben, damit auch ihre letzten Winkelzüge in Gewahrsam genommen werden können. Ausufernde Spektakel wie Crave, Lungs oder Trans weisen den Weg in wohlige (mit Trötentönen verfeinerte) No Wave-Gefilde, werden jedoch immer wieder von heißblütig platzieren Nackenschlägen zurecht geplättet. Ein ziemliches Teil also, dessen Bitterstoffe auch mit der Zeit kaum verfliegen.
facebook.com/ashapemusic

Serpent Omega: „II“ (Icons Creating Evil Art/Rough Trade)

Serpent Omega – II (Icons Creating Evil Art/Rough Trade)
Was Sasha Andrès für den französischen Noiserock leistet, dürfte Pia „Urskogr“ Stjärnvind für sich in Anspruch nehmen, wenn es um schwedischen Meta-Sludge der hier vorliegenden Marke geht. Denn dem rabiat durchweg (im besten Sinne) rockig gestrickten Konglomerat aus Genie und Wahnsinn setzt sie mit ihrem aggressiv fordernden Organ die triefende Dornenkrone auf. Eben weil sie sich nicht scheut, hin und wieder die dezidiert feminine Metal-Kreisch-Bestie von der Leine zu lassen. Dass sich diese Attitüde keineswegs mit den tiefschwarz verrußten Plausibilitätsmonstern von Songs beißt, sondern – ganz im Gegenteil – erst die vollends erregende Würze beibringt, gehört zu den unbedingten Vorzügen eines Albums, das selbst dann Bestnoten erheischt, wenn es, wie etwa anlässlich von Through The Gates, zunächst in schieres Gepolter auszubrechen droht (Mastering, schon wieder: Magnus Lindberg). Ganz klar: Auf II herrscht Spaßfaktor XII.
facebook.com/serpentomega

Kairon! IRSE: „Polysomn“ (Svart Records/Cargo)

Kairon! IRSE – Polysomn (Svart Records/Cargo)
Nun noch etwas Entspannung gefällig? Mit reichlich Rick Wakeman-Gedächtnis-Keys gespickt und um mehrstimmigen Gaze-Gesang erweitert, erfreuen die finnischen Neoprog/Psychpop-Heroen auch im elften Jahr ihres Bestehens. Wo sie es zuvor noch gerne bisweilen allzu bunt trieben (und dennoch immer wieder eingängige Treffer landen konnten), überzeugt Polysomn mit einem fein konzertiertem Gewimmel aus Anleihen, Variationen und Querungen, die den Bogen von der Phantasie-Begabung der Siebziger zu den zartbitteren Realitätsverweigerungen von My Bloody Valentine, Slowdive und Co. schlagen. Mag auch ein unterschwelliges Chaos das Zepter führen: Erfreulich leicht erwischen Kairon! IRSE auf dem falschen Fuß, legen kosmonautisch geeignetes Zaumzeug an – und ermächtigen somit zur munteren Auffahrt gen Himmel (und Erde im Windschatten). Strengt kaum an, tut aber sehr gut.
facebook.com/kaironirse

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