Fast vergessen, aber wieder im Fokus: Mélanie Bonis

Danse d’Almée

Eine besondere Vorliebe zur Erprobung ihrer Kompositionsfertigkeiten hegte die eigentlich gegen den Willen ihrer Eltern am Konservatorium immatrikulierte Pariserin Mélanie Bonis für die Suite, was auch ihrer Produktivität im Orchestertonsatz zugute kam: Außer einer viersätzigen Suite in Walzerform und einer aus Prélude und Danse d’Almée bestehenden Suite orientale, in der die Figur einer Hoftänzerin im Mittelpunkt steht, legte sie ein Trifolium aus Bourrée, Pavane und Sarabande an, machte aber reichlich von traditionellen höfischen Tänzen in ihren Klavierzyklen Gebrauch.

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„Bad am Strand von Trouville“ von Eugène Louis Boudin: „Am Strand“ hieß das Gedicht von Amédée Hettich, zu dem Mélanie Bonis ein Lied komponierte (1869, F p.d.).

Durch Jacques Maury, einen mit ihren Eltern befreundeten Hornisten und Professor kam Bonis, die in frühen Jahren Klavierunterricht erhalten hatte, unter anderem mit César Franck in Kontakt, der ihr Orgellehrer wurde und sie als Studentin in seine Klasse für Harmonielehre und Klavierbegleitung – damals vorgesehen ausschließlich für Frauen – aufnahm. Erste bedeutende Lieder und Klavierstücke resultierten nicht zuletzt aus ihrer Liebesbeziehung zu dem Gesangsstudenten Amédée Louis Hettich: Sie erfand die Melodien zu zwei seiner romantisch erdachten Gedichte, Villanelle und Sur la Plage. Er wird Journalist bei einer Musikzeitschrift, „Mel“ wird jedoch in eine Zweckheirat mit einem reichen Industriellen gezwungen.

Mélanie Bonis (1858 – 1937) war eine bedeutende französische Komponistin der Spätromantik (und teils des Impressionismus) um die Wende zum 20. Jahrhundert (Gemälde Charles-Auguste Corbineau, 1885, F p.d.).

Da ihr Mann in die Ehe bereits fünf Kinder aus einer früheren mitbringt und sie selbst drei zur Welt bringt, ist es ihr nur schwer möglich, zusammenhängend weiterzukomponieren. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann sie sich ihrem Metier wieder intensiver widmen. Daraus resultiert sowohl Kammermusik für mehrere Instrumente wie die Suite en trio op. 59 als auch zahlreiche Stücke für Klavier allein; Camille Saint-Saëns etwa findet großen Gefallen an ihrem 1. Klavierquintett. Daneben schreibt sie geistliche Musik wie Cantique de Jean Racine und etliche Chormotetten; sie erprobt sich ebenso ausgiebig in den gängigen Formen für die Orgel.

Beim Label Harmonia Mundi erschien diese Auswahl aus Bonis‘ Klavierwerk (ASIN: B004A8VTAS, 2010) mit der Pianistin Veerle Peeters.

Ihr Interesse am Exotischen, dem Nahen Orient und der Welt der Bibel ließ sie mit Trois femmes de Légende ein Triptychon für Orchester schaffen, das den Figuren Salomés, Ophelias und Kleopatras gewidmet ist. In späteren Jahren adaptierte sie Stilmittel des für die kulturellen Besonderheiten ferner Länder besonders aufgeschlossenen Impressionismus in ihr Schaffen. Nicht zuletzt komponierte Bonis, Prokofjew und anderen Zeitgenossen nicht unähnlich, für Kinder: Unter den Namen ihres Sohns Pierre Domange verhüllte sie ihr Opus 185, eine Symphonie burlesque in vier Sätzen.

Diskographie
Ensemble Mel Bonis
Literatur über die Komponistin

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.