Korte Metten (13)

Zeit der Traubenlese

Shad Shadows: „Toxic Behaviours“ (Young & Cold Records)

Eingerahmt von niedlichen Blätterzäunen, wiegt sich die Gediegenheit auf schrumpligen Heftpflastern in Sicherheit. Solange nur – inmitten der Feuerstellen privatisierter Wände – der liebe Goldbarsch brutzelt. In einem Meer aus Salbei, Klang und Kresse. Und etwas Wein vom letzten Jahr.

Shad Shadows – Toxic Behaviours (Young & Cold Records)
Unsere Freunde aus Ravenna – Alessandra und Luca – gönnen sich mit Shad Shadows ein Zweitprojekt, bei dem sie ihrer Vorliebe für minimal-elektronisch fundierten und zudem jederzeit forciert tanzbaren Darkwave freien Lauf lassen (was sie als Schonwald – zugunsten eines bevorzugt eher nebulös belassenen Cold Wave – zu vermeiden wissen). Und dies – nach dem Debüt Minor Blues, der EP Fix sowie dem Konzeptalbum Nocturnal – bereits zum dritten Mal. Erneut werden – ohne auch nur einmal mit abwegigen Wimpern zu zucken – perfekt austarierte Mittel durchgängig auf die Planken eines blickdicht abgedunkelten Ballsaals gehievt. Derweil jede Songidee wie selbstverständlich im Handumdrehen aufgeht und verblüht. Doch dies nur bis zu ihrem nächsten Einsatz, der rasch in die Dauerrotation münden könnte. Feinster Stoff, mit dem sich das gestrige Kanzlerinnenwort locker erfüllen möge: Volle Clubs – nicht trotz sondern dank Toxic Behaviours.
facebook.com/shadshadows

I Am Waiting For You Last Summer: „Self-Defense“ (Trou Blanc)

I Am Waiting For You Last Summer – Self-Defense (Trou Blanc)
Electro-Prog-Postrock der unkalkulierbaren Art serviert das russische Trio mit dem immer wieder gültigen Namen auch auf dem dritten Langspieler seit seiner Gründung vor nicht ganz zehn Jahren. Diesmal schlägt das Pendel wieder stärker in seltsam bedrohlich-berückende Gefilde aus, in denen sich jede Menge nachlässig versteckte Hinweise, prononcierte Anspielungen und trügerische Scheinzitate tummeln. Aufgrund der hochfrequenten Abfolge dieser labyrinthisch aneinandergereihten Sensationen wird jeglicher Versuch einer isolierten Verortung zu einer besonderen Herausforderung. Allerdings legen es IAWFYLS nach wie vor nicht darauf an, mehr als genug aufzutischen. Das Klangbild bleibt stets transparent, die Scapes auch ohne Ohrenlupe lesbar. Und wenn der Verlauf der Ereignisse ab und an zu stagnieren scheint, spinnt selbst das vorübergehend eingesetzte Nichtgeschehen das Netz aus Reiz und Entfremdung beflissen weiter. Wenn das mal nicht beeindruckend ist…
facebook.com/iwfyls

Hugar: „The Vasulka Effect: Music for the Motion Picture“ (Sony Masterworks)

Hugar – The Vasulka Effect: Music for the Motion Picture (Sony Masterworks)
Nach der russischen Reizüberflutung kommen Pétur Jonsson und Bergur
Þórisson aus Seltjarnarnes (Island) gerade recht. Denn auf ihrem Soundtrack zu einem Dokumentarfilm (der sich dem Schaffen der Künstlerehepaars Steina und Woody Vasulka widmet) herrscht ein gleichermaßen gediegen wie feingliedrig appliziertes Stimmungskolorit vor, das seinen erlesenen Ingredienzien ungeahnte Räume erschließt. Zudem wird spürbar, dass (oder wie) sich die beiden vielbeschäftigt etablierten Musiker – im Laufe ihrer zweckgerichtet dienenden Arbeit – von den bewegten Bildern zu emanzipieren scheinen. Und den „Vasulka Effect“ (sozusagen im Nachgang ihres persönlichen Zustands der Inspiration) weiter gewähren und ventilieren lassen. Mit bildgebenden Verfahren, die kein böses Erwachen befürchten lassen.
facebook.com/hugarmusic

Hvafugl: „Øjeblikke Vi Husker“ (Hvalfugl Music)

Hvafugl – Øjeblikke Vi Husker (Hvalfugl Music)
Von Island nach Dänemark. Und dort zu Jeppe Lavsen, Jonathan F. Bredholt und Juel Bomholt und ihrem dritten Album, das mit wohligen Klängen von E-Gitarre, Kontrabass, Piano und Harmonium goldene Herbstmomente aus den Launen eines gänzlich nicht-affektierten Jazz-Verständnisses heraus entstehen lässt. Oder eben auch eine Sommereufori, wenn auch eher rückblickend von sanfter Wehmut getränkt. Unaufdringliche Spielfreude, bodenständige Eleganz und sehr viel Wärme ranken sich um gefällige, mitunter gar liedhafte Mottos, deren scheinbare Beiläufigkeit natürlich trügt. Aber dennoch als Mittel zum Zweck seine wohltuende, wenn nicht gar heilsame Wirkung zeitigt. Die frühen Abende mögen kommen, die depressive Verstimmung bleibt vorerst außen vor. Und damit dem so bleibt, diese besondere Empfehlung.
facebook.com/hvalfugl.dk

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