Korte Metten (14)

Lindernde Maßnahmen

CrowJane: „Mater Dolorosa“ (Kitten Robot Records)

Möchte hier noch jemand gegen permanente Liebeserwartung revoltieren? Der Tabulator rückt an, der Totalisator kennt keine verbindlichen Quoten an. Die wahren Kräfteverhältnisse verbleiben im Hoheitsgebiet der Fermate. Musik zum Pausentee.

CrowJane – Mater Dolorosa (Kitten Robot Records)
Die schmerzgeplagte Mutter weiß, dass die Ausprägungen all unseres Wehs in etwa der Anzahl der Facetten von GottesanbeterInnenaugen entspricht. Wenn nicht gar bei weitem überragt. Dessen hat sich die seit Jahrzehnten im Gothpunk-Umfeld Kaliforniens aktive Horror-Maskenbildnerin CrowJane wohl entsinnt, nachdem sie – so will es die Story zur Entstehung ihres ersten Soloalbums – von Paul Roessler (45 Grave, Nina Hagen) im Studio, samt vor Ort erst noch zu bastelnder Klangerzeuger, eingeschlossen wurde, um sie zu ihrem Glück einer völligen Selbstentäußerung zu zwingen. Herausgekommen ist CrowJane mit einem vulnerabel gesottenen Fächer aus zig bestens beleumdeten Dunkelblättern. Da klingen die verwunschenen Wälder der Hexe Kate Bush ebenso an wie der martialische Schmuse-Sound eines Douglas P. oder auch die Noblesse des vor Lebenserfahrung strotzenden Chansons der Marke Marianne Faithfull. Kaum zu glauben. Aber umso besser. Dass CrowJane mit einer wütend verdreckten Version des Klassikers Man’s World (James Brown) ihre Klausur beendet, passt perfekt zu dieser mutig heterogenen Exploitation von Duftnoten welkender Neurosen.
facebook.com/CrowJaneNoise

Johanna Amelie: „Beginnings“ (brillJant Sounds/Indigo)

Johanna Amelie – Beginnings (brillJant Sounds/Indigo)
Dagegen begibt sich Johanna Amelie mit ihrem zweiten Vollzeit-Album in die akustische Aura eines von vollmundigen Piano-Schüben zum Sprudeln verführten Jungbrunnens. Als Reigen aus melancholisch getünchten Wohltaten erweisen sich Ihre Beginnings diesem Setting durchgängig würdig, wenngleich die Berlinerin das Seichte scheut wie Weihwasser, nichts plätschert oder dümpelt hier nur so für sich hin. Vielmehr gelingt es Johanna Amelie aus jeglicher Regung Erregungen zu destillieren, die gar mittelschwere Apotheosen heraufzubeschwören vermögen. So etwa bei dem schwelend akzelerierten Being. Durchatmen bitte. Schließlich unterstreicht nicht zuletzt die souveräne Manier, mit der sich Johanna Amelie den Aldous Harding-Song Horizon zu eigen macht, ihren mit Beginnings in Anspruch genommenen Stellenwert, der sich kaum hoch genug veranschlagen lässt.
facebook.com/johannaameliemusic

The Late Call: „Your Best Friend Is The Night“ (s/r)

The Late Call – Your Best Friend Is The Night (s/r)
Und noch mal ans Klavier in Berlin: Denn immerhin setzte dort der Schwede Johannes G. Meyer bereits im Jahre 2016 an, um sich mit seinem fünften und nun endlich vorliegenden Studioalbum als The Late Call von der Akustikgitarre zu lösen und sich dem Piano zuzuwenden. Und Your Best Friend Is The Night erweckt den Eindruck, als habe er nie etwas anderes getan (außer tolle Songs zu schreiben, natürlich). Höchst dezent und sporadisch um Bass, Perkussion, Alt-Saxophon, Klarinette und Trompete ergänzt, ergeht sich Meyer in einem „mellow mood“, wie ihn heute eventuell noch Ben Folds hinbekommt (oder früher einmal ein Peter Skellern hinbekommen hat). Ach, wie die Vergleiche hinken. Nichtsdestoweniger verströmt Your Best Friend Is The Night zeitlose Gediegenheit ohne Zuckerguss oder dem Selbstzweck geschuldete Verrenkungen. Selbst wenn ein Song – wie etwa Thought I Knew – das Aufbegehren probt, wahrt The Late Call die Contenance des sanften Schleichens. Nicht etwa um heiße Breie herum, – sondern trittfest sicher an jeglichen Fettnäpfchen entlang, die ein derartiges Blankziehen von Sentiment bei gleichzeitiger Zügelung des Temperaments mitunter so birgt. Da möchte man Johannes G. Meyer glatt zum Brother haben.
facebook.com/thelatecall

Ozric Tentacles „Space For The Earth“ (Kscope/Edel)

Ozric Tentacles – Space For The Earth (Kscope/Edel)
Auf dem 15. Album des – als kleiner Junge von George Harrison persönlich zur Auseinandersetzung mit dem Gitarrenspiel ermunterten – Ed Wynne und „seinen“ Ozric Tentacles reihen sich schönste Anleitungen zum Frischluftholen aneinander. Nebst vielen anderen Quellen inspiriert von schottischer Landschaft (und den mit ihr assoziierten Melodie-Mustern) und spacigem (sic!) Flaum provoziert Space For The Earth – anhand abgefahrener Synths, schwelgerisch gesättigter Gitarrenläufe sowie einer freudigen Ahnung, dass hier mal wieder im Prinzip „alles“ möglich gewesen wäre – die Aufgabe griesgrämiger Verstimmung. Prog ohne de-vitalisierende Scheuklappen, offenbar sehr spontan in die Welt entlassen. Der Schöpfer bringt es auf den Punkt: „This is space music for people from the earth to enjoy“. PS: Über Kscope gelangt dieser Tage eine Reihe früherer Ozric Tentacles-Werke in remasteter Form auf Vinyl in Umlauf. Ozric Orbits rule in piece!
facebook.com/OfficialOzricTentacles

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