Korte Metten (16)

Sechs aus Sechsundsechzig

Keaton Henson: „Monument“ (PIAS/Rough Trade)

Bemusterte Alben in den vergangenen zwei Wochen: 137. Nach Vorauswahl verblieben: 66. Es hätte aber auch die anderen treffen können. Das „Verriss-Special“ bleibt – aus Überzeugung und Respekt – weiterhin ungeschrieben.

Keaton Henson – Monument (PIAS/Rough Trade)
Wenn sich ein offenbar äußerst sensibel gestrickter Singer/Songwriter Geltung verschafft, indem er den Tod eines nahen Familienangehörigen veräußert, muss dies bekanntlich nicht zwangsläufig zu programmatisch verbrieften Glücksfällen nachvollziehbaren Ausdrucks führen. Hier, auf Monument, schon. Seine mentale Beschädigung ungeschönt transformierend, bestellt Keaton Henson den Nährboden intakter Anteilnahme. Kompositorisch stets neu ansetzend, ausführend und konkludierend, maximale Verdichtung mit emphatischem Überschwang verknüpfend, seziert er seinen Schmerz. Und hinterlässt dabei angemessen scharfe Ränder, die aufrichtig dazu einladen, sich freimütig an ihnen zu schneiden. Zwar besteht hin und wieder die Chance, den Ereignisreichtum dieses Albums in bekannt-bekömmliche Relationen zu setzen (so etwa bei The Grand Old Reason, wo es den Anschein hat, als zerrieben sich ein soeben aus dem Schlaf gerissener William Fitzsimmons und ein von sämtlichen Glauben abgefallener Leonard Cohen simultan), doch bleibt die Integrität (und Originalität) dieses „wahren Meisterwerks“ hiervon unberührt. So auch das Motiv – das Anliegen – nach wie vor keinen obligaten Welpenschutz zu dulden braucht oder zu rechtfertigen vermag.
facebook.com/keatonhensonfans

Jakko M Jakszyk: „Secrets & Lies“ (InsideOut Music/Sony Music)

Jakko M Jakszyk – Secrets & Lies (InsideOut Music/Sony Music)
Die stilistisch kaum zu erfassende Variabilität, mit der King Crimson-Sänger Jakko M Jakszyk sein Soloalbum ausstattet und feinjustiert, mag hingegen jene kreative Schöpfkelle rechtfertigen, die ihm im Laufe seiner mehrere Jahrzehnte währenden Musiker-Karriere angewachsen ist. Einer Laufbahn, die sich eben bei weitem nicht auf die aktive Mittäterschaft bei den (Prog-) Giganten erschöpft. Und wenn auch die Herren Fripp, Levin, Collins und Harrison (samt Mellotron) ihr Scherflein zum Gelingen von Secrets & Lies beigetragen haben, interpretiert der Brite seine Vision eines anspruchsvoll zugänglichen Albums auf höchstpersönliche Art. Mag auch das Spektrum seiner Themen, Emotionen und Mittel subtil und breit gefächert sein: Die Essenz bleibt nachdenklich durchdacht verwoben, – und kulminiert in dem kaum zu cremig aufgetragenen Instrumental Secrets, Lies & Stolen Memories. Im konventionellen Sinne vergleichsweise „energisch“ intonierte Auswüchse (Before I Met You, Uncertain Times) dienen der aufrauenden Schattierung, während der biographisch gegebene Konnex zu David Sylvian durchgängig Dominanz anmeldet. Selbst die Partizipation des notorischen Peter Hammill lässt keinerlei Zweifel darüber zu, um wessen Album es sich hier handelt. Alles fügt sich dem alerten Willen eines Musikers, der immerzu andeutet, dass er auch anders könnte, wenn er nur wollte. Aber zum Glück keinerlei Abweichungen von seiner nachdenklich gefassten Signatur zulässt. Womit ihm auf Secrets & Lies aber auch alles gelingt.
facebook.com/jakkomjakszyk

Old Kerry McKee: „Mono Secular Sounds“ (Icons Creating Evil Art/Rough Trade)

Old Kerry McKee – Mono Secular Sounds (Icons Creating Evil Art/Rough Trade)
Als Joakim Malmborg vor rund sechs Jahren seine damals aktuelle EP Letter To The Sick auf deutschen Bühnen live zu präsentieren erachtete, tendierte der Vorverkauf vereinzelt gegen Null. Was ihn dazu veranlasste, die Gigs zu streichen. Um selbst um die Häuser zu ziehen. Und was hatten wir uns auf ihn gefreut! Denn schon 2014 war klar, dass es sich bei dem schwedischen Schrat um einen Sonderfall der Musikgeschichte handelt, dem es beliebt, sämtliche seiner Sujets auf links zu ziehen. So auch auf Mono Secular Sounds, wo Dark Americana, Blues-Blasphemien und Magick ein rüdes Eigenleben frönen. Wobei die Dekonstruktion des House Of The Rising Sun vielleicht nur als gut getimter Scherz am Rande durchgeht. Angesichts der beherzten Verwurstung von nahezu sämtlichen Klischees, die mit verruchter Western-, Wald und Wiesenromantik so einhergehen. Gar köstlich das verbal-vokale Salbadern, das Gifte ventilierende Setzen von „unschönen“ Brüchen, die frech an den kommenden Nebelung gelegte Versiertheit im Umgang mit Slides. Kurzum: Mono Secular Sounds zementiert Old Kerry McKee zu jener Ausnahmeerscheinung, die nicht zuletzt seine äußere Erscheinungsform verspricht. Wahre Mogelpackungen sehen anders aus.
facebook.com/oldkerrymckee

JeGong: „I“ (Pelagic Records/Cargo)

JeGong – I (Pelagic Records/Cargo)
So verhält es sich auch mit dem japanisch-schweizerischen Merger von Mono (Drummer Dahm Majuri Cipolla) und Sum Of R (Sound-Artist Reto Mäder): Im Projektnamen angesetzt als Cluster-Hommage mäandert dystopisch verkantete Kraut-SciFi-Psychedelia durch die von den beiden Hausbands geschürten Erwartungen. Heiliger Ernst statt bloßer Pose, ein ständiges Lugen um Ecken, hinter denen sich Erfreuliches kaum antizipieren lässt. Scharren und Schwelgen halten sich eine von ungefähr geeichte Waage, vermeintliche Längen desavouieren Statik und Stasis gleichermaßen. Nach und nach aber gewinnt der hier eingeschlagene „memetische Pfad“ an Konturen, deren ästhetische Valuta auf einen bei langer Laufzeit günstig ausgestatteten Kredit hinauslaufen. Sich von JeGong aus einer ephemeren Seinsvergessenheit hervorlocken zu lassen, grenzt an Erkenntnis. Fragt sich nur, wovon. Nicht wahr?
facebook.com/jegongband

Forkupines: „Islands“ (Midsummer Records/Cargo)

Forkupines – Islands (Midsummer Records/Cargo)
Als ein einziger Weckruf erweist sich hingegen der Zweitling von „Braunschweigs Besten“: Mit auf Kiellinie getrimmter Fallsucht samt Tür ins Haus, mit Sturm und Drang trotz akut bedenklicher Settings. Allein der schmerzvoll aufbrausende Auftakt (Waves) spricht Bände. Es folgen elf weitere Einpeitscher, wobei es sich lohnt, die vorgegebene Reihenfolge dem Zufall zu überlassen, um von den Schemata der Rezeption bedingten Abnutzungseffekten ein Schnippchen zu schlagen. Braucht es da noch den Hinweis auf internationale Konkurrenzfähigkeit? Wohl kaum, zumal das Trio anhand von Jay Maas (Mix und Mastering) wohl den idealen Veredler für Islands gefunden hat. Ganz schön tight, mitunter gar herausfordernd agil, bringen Fronter Simon Skott und Co. das Gemüt in Wallung, mit Lust und Laune, – sowie einem stets semi-präsenten Potenzial an Frustration, das es jedoch vermag, Batteriesäure in Enegry-Drinks zu wandeln. Unterwegs, von Kana nach BS-Kanzlerfeld.
facebook.com/forkupines

Keep Dancing Inc: „Embrace“ (Un Plan Simple/Rough Trade)

Keep Dancing Inc – Embrace (Un Plan Simple/Rough Trade)
Den Luxus juvenilen Hedonismus mit (pseudo-) nostalgischer Willfährigkeit gegenüber der Impertinenz von Wave, Pop und Dancefloor rehabilitierend, schürzt das Pariser Dreigestirn keinerlei Missverständnis vor. Nein, sie haben wohl viel von dem begriffen, wovon sie nun einmal mehr als nur eine vage Ahnung haben. Anders lässt sich die fast schon altkluge Chuzpe kaum erklären, mit der Embrace an eine Zeit erinnert, in der man wohlgemut dem Blick in den Spiegel kaum widerstehen konnte – derweil Mirrorballs unablässig Kunstschnee verströmten. Chic, den man (nun wieder) tragen und bezahlen kann, dabei aber nur in einem gangbar akzeptablen Maße stilecht. Weil es den Jungspunden gelingt, nichts zu plagiieren, was die Gnade ihrer späten Geburt im Grunde längst als sakrosankt verklärt. Diese Verneigung, dieser Chapeau, blinkt mit Kunstfasern auf neuestem Stand der Technologie, das Reenactment bleibt den Originalen überlassen.
facebook.com/keepdancinginc

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