Von einem verlorenen(?) Tanz

Die Tresca – nur noch literarisch greifbar?

Überlieferung in Noten zu bestimmten, nicht zwangsläufig kurzlebigen Gattungen fehlt manchmal gänzlich, je weiter die Epochen entfernt sind – wie im Falle des mittelalterlichen, sowohl italienischen als auch provenzalischen Tanzes tresca, bei dem es sich wohl um einen Kettenreigen handelte, da seine Benennung etymologisch vom iatlienischen Verb „trescare“ herrührt, das sowohl „tanzen“ als auch „springen“ bedeutet. Von ihm rührt wohl auch die Variante des im Zweivierteltakt stehenden trescone her.

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Mittelalterliche Szenerie einer Farandole (19.8.2013, Anfang 14. Jh., F p.d.)

Der französische Begriff tresque wurde sekundär davon abgeleitet, was seine Verbreitung aus der Provence oder Italien in nordwestromanische Territorien belegen könnte. Die Forschung vermutet hier einen Zusammenhang mit dem Aufkommen der provenzalischen Farandole.

Ist mit dem Sprungtanz Tresque auch die Farandole aufgekommen? Das Beispiel zeigt die bis heute gut bekannte Farandole von Tarascon (F p.d.).

Quellen bezeugen lediglich, dass in diesem Kettentanz gesprungen wurde ebenso wie ausladende Armbewegungen dabei ausgeführt wurden. Die Erwähnung der tresca in literarischen Quellen ist dabei nicht einmal selten: Die Chanson de Sainte Foy aus dem 11. Jahrhundert führt sie ebenso auf wie der deutlich bekanntere Roman de la rose knapp zweihundert Jahre später. In Dantes Divina Comedia taucht er zudem auf. Grenzt man die Zeit seiner Blüte auf einen bestimmten Zeitraum ein, so könnte er zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert populär gewesen sein.

Praxis des französischen Reigen- oder Kettentanzes: hier an einem populären Beispiel aus der Bretagne (RMN 2012, F p.d.)

Ein interessantes Detail in den Zeugnissen weist darauf hin, dass es sich zunächst um einen Tanz oder eine „Weise“ handelte: «chant qui est beau en danse» zitiert Hans Spanke in seiner Abhandlung Tanzmusik in der Kirche des Mittelalters aus dem Jahr 1930. Diese Definition könnte sowohl „zum Tanz gesungen“ meinen als auch Gesang, der sich für die Tanzpraxis eignet, möglicherweise wegen des eingängigen Metrums der Melodieführung. Jedenfalls erhellt aus dem um 1285 entstandenen Jeu de Robin et de Marion des Komponisten Adam de la Halle, dass die Tresca auch – wenn nicht sogar zuvorderst – eine Vokalform war, was die Verwendung von für Tanzmusik geeigneten Instrumenten nicht ausschließt.

Tresque Quant li rossignol

Weitere Literatur

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.