Korte Metten (17)

Mise en abyme

Oliver Coates: „Skins n Slime“ (RVNG Intl.)

Der Hunger nach Musik nahm ungeheure Ausmaße an, besetzte die Hirne der Menschen, und in einem Moment kollektiven Wahnsinns wollte man den unbezwingbaren Wunsch, sich in Harmonie aufzulösen, dadurch stillen, dass man thermonukleare Sprengkörper gegen ihn zum Einsatz brachte.“ (Mircea Cărtărescu, „Der Architekt“)

Oliver Coates – Skins n Slime (RVNG Intl.)
Als besonderes Charakteristikum seines – nicht zuletzt von Hanne Darboven oder Enno Velthuys inspirierten – Albums überführt der schottische Produzent (Shelly’s On Zenn-La) sein bevorzugtes Instrument in den programmatisch besagten Glibber. Indes steht es dem sich extremer Verzerrung verdankenden „Cello-Schleim“ nicht zu, die mit ihm kontrastierende Sensibilität auszuhebeln, mit der Oliver Coates hier seinen fünfhebigen Zyklus Caregiver um sechs weitere Tracks ergänzt, welche allesamt jenes kristallin glitzernde Streichwerk auftragen, das verlässlich Aromen aus Wehmut und Entsetzen sät. Die flüchtigen Bluttöne spätherbstlicher Sonnenstahlung weichen dem samtigen Dunkel im Saal des Kopfkinos, die Projektion harmonischer Dissonanz setzt ein. So sich dann lautmalerische Synästhesien aneinanderreihen, greift das janusköpfige Konzept einer Musik, die auf geradezu anzügliche Weise den Diabolus in musica austreibt. Erinnert in etwa an die Arbeiten von Hildur Guðnadóttir (Joker). Oder – bei dem herausragenden Track Honeyan den stilbildenden Soundtrack zu Children Of Nature von Hilmar Örn Hilmarsson.
facebook.com/oliver.coates.77

Snowdrops: „Volutes“ (Injazero Records)

Snowdrops – Volutes (Injazero Records)
Nicht minder anmutig, jedoch noch um einige Umdrehungen behutsamer, gehen Christine Ott und Mathieu Gabry auf ihrem Debütalbum vor, das sich insbesondere durch den mesmerisierenden Einsatz der Ondes Martenot einschmeichelt. On top bringt Anne Irène-Kempf mit ihrem Bratschenspiel frische Brisen ein, die den traumhaften Duktus von Volutes auflockert, ohne mit der ab und an konzentrisch anmutenden Struktur des Albums zu brechen. Vielmehr fügen sich die Elemente aus Synth-Ambient und klassischer Instrumentierung einer Dramaturgie, die – Eile mit Weile – einem finalen Crescendo entgegenstrebt, das keinerlei Erwartung zu enttäuschen trachtet. Doch trotz dieser formalen Berechenbarkeit der Ereignisse handelt es sich hier keineswegs um eine allzu stringent konfektionierte Beschallung von Wellness-Oasen. Hierzu erlauben sich die Snowdrops – auf eine einfach zu gewitzt-eigenbrötlerische Art – den vermeintlich subtilen Luxus perennierender Schwebe. Derweil ein auf sich beruhend belassenes Piano das enthemmte Abgleiten in träumerisch getänzelte Gefilde – vorübergehend – zur Ordnung ermahnt. Sphärische Kammermusik.
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Richard „Heldon“ Pinhas feat. Stephen O’Malley: „Quentin Compson“ (Bam Balam Records)

Richard „Heldon“ Pinhas feat. Stephen O’Malley – Quentin Compson (Bam Balam Records)
Zeit für nervöse Fluida, Muße für den Merger aus französischer Rock-Avantgarde (Heldon) und exaltierter Drone-Extravaganza (Sunn O)))-O’Malley). Dass „Quentin Compson“ auf Anhieb ziemlich genauso klingt, wie es sich liest, wirft keinen Ablehnungsbescheid in die Hauspost. Erweisen sich doch die beiden Kombattanten als kongenial verschrobene Kontrahenten, deren Konkurrenzdenken bilaterales Wachsen und Gedeihen gegenüber einem Konflikt auf Gedeih und Verderb bevorzugt. So ziehen Pinhas und O’Malley ihre fundiert lärmenden, exzentrische Kreise: Zu enervierend verpeilt für auf bare Steigerung von Intensität versessene Schwellkörper, zu aschfahl modelliert, um an hippieske Unschuld zu appellieren, dröseln sich auf Quentin Compton drei Kompositionen auf, die sich diese Bezeichnung redlich erarbeiten. Dass RP laut den Credits die eigentliche Oberhand der Unternehmung wahrte, muss weder verstören, noch (unangenehm) auffallen.
facebook.com/richard.pinhas

Javier Hernando: „Jardin Náufrago“ (La Olla Expréss)

Javier Hernando – Jardin Náufrago (La Olla Expréss)
Sich bereits seit über 40 Jahren der elektronischen Klangerzeugung widmend, knüpft der Katalane mit seinem aktuellen Output bei jenem magischen Eklektizismus an, der zuletzt schon seine einzeln veröffentlichten Werke (so etwa Penumbra Auricular von 2013) auszeichnete. Es ist dieses in sich widersprüchliche Verständnis eines präzise fraktalisierten Minimalismus, das auch den „schiffbrüchigen Garten“ auszeichnet, wenngleich sich diesmal die Reizüberflutung vergleichsweise kleinteilig – und somit auch schneller – entäußert. Mit jedem hinzugefügten Sound gewinnt das Abstrakte an Kontur und verliert zugleich an Eindeutigkeit. Was geschieht, bleibt vage. Was bleibt, pulsiert weiter. In den Hemisphären der Wahrnehmung – jenem „motion quartett“, das in ähnlicher Weise auch ein Hans Castrup zu stimulieren versteht. Dabei verströmt Jardin Náufrago ein ungemein gastfreundliches Ambiente, das sich energisch dem Stoizismus des Ambient verwehrt. Indem die Konturen ambivalent gehalten werden, sich die Schnittstellen eben nicht als seriell erweisen, gerät die intellektuelle Überformung in Wallung, gesellt sich die Sinnlichkeit hinzu.
javierhernando.net

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