Korte Metten (19)

Endzeit forever

Wie viel Genüsse noch, um endlich durchzufaulen?“ (Botho Strauß, Rumor). Zumindest die nun folgenden, frisch aus den Garküchen einiger bewährter Favoriten dieser Abteilung.

Mats Erlandsson: „Minnesmärke“ (Hallow Ground)

Mats Erlandsson – Minnesmärke (Hallow Ground)
Nicht zuletzt dem Ertrag seiner Eisenerz-Minen verdankt Schweden die Ausstattung seines berühmt-berüchtigten Wohlfahrtssystems, – und einen regionalen Wohlstand, der heutzutage ebenso erodiert wie die montan-monumentalen Überbleibsel längst geschlossener Minen vor Ort. Wie die Ställbergs Gruta, heute zu einem Kulturzentrum umgestaltet, von wo aus sich Mats Erlandsson auf eine (auch) persönliche Spurensuche begibt, da seine Familiengeschichte eng mit den Erden seiner Abkunft verbunden ist. Wieder einmal stellt sich die Frage, inwiefern es einem Thema, einem nicht-fiktiven Gegenstand, gelingt, Kenntlichkeit zu erlangen. Ob Hintergrundinformation die Rezeption durchdringt. Antworten bleiben weiterhin versagt, zumal die beiden jeweils rund zwanzigminütigen Kompositionen, – unter Mithilfe von Hilary Jeffrey (Posaune, Tuba), Gaianeh Pilossian (Geige) und Yair Elazar Glotman (Kontrabass) entstanden und mit Vilja (dt.„Wille“) und Slakt (dt. „Schlachten“) betitelt – auch losgelöst vom gegebenen Kontext eine höchst intensive Wirkung entfalten. Wie sich selbst überlassen. Verwesend, verfallend, monu-mental mahnend. Zu ereignisreich als noch als klassischer Dark Ambient etikettiert zu werden, – und viel zu brüskierend (vulgo: atemberaubend) moduliert, um hier noch das Lob der Gegenstandslosigkeit anstimmen zu können. Minnemärke: Gruben tun sich auf, zum Schürfen ladend – wie in etwa auch schon anlässlich von The Miner’s Hymns (Jóhann Jóhannsson).
facebook.com/HallowGroundLabel

Ben Chatwin: „The Hum“ (Village Green)

Ben Chatwin – The Hum (Village Green)
Und ständig (ewig?) brummt das Stromnetz, gluckern die Rohre, oszilliert die Luft: Für das menschliche Ohr nicht oder nur kaum vernehmbare Klangfrequenzen der häuslichen Umgebung – die „drone of the home“ sowie die Echos aus Kommunikation allenthalben – zwingt Ben Chatwin (Talvihorros) auf seinem sechsten (elften) Album in den Bereich des Unausweichlichen. Und versetzt sie mit reichhaltig texturiertem Analogwerk, das eine recht flotte SciFi-Tonalität ebenso wenig scheut wie den wollüstig gesättigten Blick ins allumfassend Abgründige (was ja ohnehin schon immer als eine ausgezeichnete Qualität des Ben Chatwin in die Wertung seiner Werke einzahlte). Der Facteur humain, die zweimalige Partizipation der schottischen Dunkelpoetin Kirsten Norrie als Sängerin MacGillivray, erweitert das klangliche Spektrum bis hin zu einer kaum zu beanstandenden Überfülle, die das Fell des Brummbären leihweise überlässt. Nachdem Ben Chatwin das in ihm enthaltene Keratin (Molekular-Ebene) aufgespürt hat – und nun The Hum mit über-alltäglichem Schmelz gefällt. Dass er sich hierbei in einer doch recht sicher erscheinenden Distanz zur Radikalität früherer Arbeiten aufhält, mag der einzige Trugschluss bleiben, zu dem dieses Album verführt.
facebook.com/bcahtwin

Vitor Joaquim: „The Construction Of Time“ (Eigen-Release)

Vitor Joaquim – The Construction Of Time (Eigen-Release)
Der ausdehnungslose Moment, auch das Jetzt genannt, jenes Wurmloch im unbedingten Irgendwo zwischen Protention und Retention: Der portugiesische Klangmagier Vitor Joaquim bevorzugt im Hinblick auf seine Diskographie Sachverhalte, die sich nicht aus individuellen Randnotizen (Biographie) speisen. Umso beeindruckender, ja nachvollziehbarer mag also seine Zurückhaltung anmuten, mit der er sich seinen Sujets nähert. Bescheidenheit ist eine Zier, vor allem wenn sie sich des Zierrats entsagt. Also rekonstruiert er den Verlauf, nicht die Essenz seines titelgebenden Untersuchungsgegenstands; lässt seine Glitch-Wurzeln diesmal mit der generisch elegischen Eleganz der Trompete (João Silva) schmusen. Und bei einer sich auf über zwanzig Minuten erstreckenden Schlusssequenz (End) sogar der schwermütig lauernden Langeweile teilhaftig werden, die das Zeitliche überhaupt erst in den Fokus rücken und segnen ließ. Da hält es Vitor Joaquim ganz mit Carlo Rovelli: Was, wenn es die Zeit nicht gäbe? (Rowohlt, 2018). Müsste man sie erfinden, an der Mitte ausrichten? Meditation, das alte Spiel. The Construction Of Time suggeriert eine sich bedeckt entäußernde Emotion als Règle du jeu. Von Spiel und Spaß und Reue.
facebock.com/VitorJoaquim

Denis Frajerman: „Macau Peplum“ (Klanggalerie)

Denis Frajerman – Macau Peplum (Klanggalerie)
Ergänzt um das 1996 entstandene Freispiel Le Voyeur entfaltet der Reigen Macau Peplum auch rund zwanzig Jahre nach seiner Erstgeburt (auf Noise Museum) eine Stimmungslandschaft, die exploitierte Sonderverwaltungszonen in die rührige Exotika von halb verregneten Aufenthalten in mondän verlotterten Stadtstaaten rückzuführen vermag. Wie gerade einmal so ganz knapp nicht von dieser Welt stammend, wie ein ins Unterbewusstsein abgetragener Vorfall, dessen Zusammenhänge ominös aufblenden und noch im Halbschlaf-Modus zucken. Ja, es ist ein Ereignis, das sich Denis Frajerman (Palo Alto) 1999 gemeinsam mit illustren Gästen wie Jacques Barbéri, Sandrine Bonnet oder Eric Roger (Sol Invictus) aus Schwämmen zurecht gezimmert hat. Vollgesogen aus Versatzstücken pittoresker Urbanitäten und Teehaus-Eskapaden, würde der narrative Gehalt dieses Albums für jenen 1000seitigen Roman gereichen, auf den die Welt längst zu warten vergessen hat. Klarer Fall von „Wiederveröffentlichung des Quartals“.
facebook.com/denis-frajerman

William Basinski: „Lamentations“ (Temporary Residence)

William Basinski – Lamentations (Temporary Residence)
„Es wäre angenehm gewesen, als Verfasser einer exzentrischen kleinen Kammeroper triumphal in die Gesellschaft zurückzukehren. Aber daraus wird nichts. Seine Hoffnungen müssen bescheidener sein: dass irgendwo aus dem Chaos von Klängen eine einzige authentische Note der ewigen Sehnsucht aufsteigen wird, wie ein Vogel. Es wird den Gelehrten der Zukunft überlassen, die zu erkennen, vorausgesetzt, es gibt dann noch Gelehrte. Denn er wird die Note nicht selbst erkennen, wenn sie kommt – er weiß zu viel über Kunst und wie Kunst funktioniert, um das zu erwarten.“ (J.M. Coetzee, Schande) Please, This Shit Has Got To Stop erwidert der texanische Klarinettist mit seinem Nachlass zu Lebzeiten. The Disintegration Loops extended, sozusagen. In weiser Vorausschau entstanden, mit an Vollkommenheit grenzender Klarheit editiert: ein Katalog der Zustände, im Loop eingekreist und somit hingerichtet. Schade um das schöne Erleben namens Leben. Im noch schöneren Modus des Bedauerns. Womit wir letztlich wieder bei den Themen der voraus angesprochenen Veröffentlichungen angelangt wären, zwangsläufig wie Vagustod.
facebook.com/william.basinski.official

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