Annette Vande Gorne - Haȉkus / Illusion

Bassin Ouvert

Annette Vande Gorne: „Haȉkus“ (empreintes DIGITALes)

In gewohnt makellos attraktiver Aufmachung präsentiert das frankokanadische Speziallabel empreintes DIGITALes mit zwei neuen CDs das Schaffen der maßgeblich von Pierre Schaeffer und Pierre Henry inspirierten Elektroakustikerin/Akusmatikerin Annette Vande Gorne. Dabei hat sie – sowohl auf Haȉkus als auch auf Illusion – wie schon des Öfteren in mittelbarer Kooperation mit dem belgischen Lyriker Werner Lambersy höchst plastisch anmutende Interpretationen und Erwiderungen zu dessen Poesie (Wortgewalt) formuliert.

1946 zu Charleroi geboren, gehört Annette Vande Gorne zu den wichtigsten Protagonisten der (belgischen) Klang-Avantgarde. Ihre Werkkatalog erweist sich als entsprechend umfangreich und multi-operational. Es sei an dieser Stelle nur an die Oper Yawar Fiesta (2006/07) erinnert.

Die Haȉkus vermitteln in 17 Sätzen ein Erscheinungswelten umspannendes Panakustikon im Kreis der vier Jahreszeiten: 15 jeux, eingefasst von Ausklang – Feux d’artifice (d’aprés Debussy) – und Neujahr. Tatsächlich erwirken die Ereignisdichte sowie die expressive Vielfalt den Eindruck als habe die Komponistin 365 Tage in einer knappen Stunde hinreichend zusammengefasst. Ohne willentlich mit jener Lakonie zu reüssieren, die das Haiku vorschreibt. Auch wenn sich Annette Vande Gorne numerisch an den 17 Lauteinheiten der japanischen Gedichtform orientiert, vermag ihre Klangsprache ein „Mehr“ aufzufächern, das selbst noch im Nachhall Bedeutungsebenen einzieht und geradezu ungebunden frei etabliert.

Annette Vande Gorne: „Illusion“ (empreintes DIGITALes)

Die vier Tracks von Illusion (die dortigen Faisceaux gibt es in zwei Versionen: pur sowie von Ana Cláudia de Assis um Klavier erweitert) hinterlassen hingegen einen eher hermetisch gewichtigen Eindruck. Weniger zugänglich (und verspielt) wie Haȉkus, und nicht zuletzt durch den omnipräsent durchdringendem Klang von Röhrenglocken etc. sakrale Anmutungen streuend, vollzieht sich hier ein gedachtes Libretto aus Devotion und Aufruhr: Kontemplation aus hoch aufgelöster Anmut sowie entkategorisierter Strenge: Au-delà du réel, jedoch wie in einem „Bassin Ouvert“ gefasst, wo die brillante Transparenz der Produktion (Ur-) Grund und Oberfläche nicht nur vertikal ineinandergreifen lässt. Selbst die samt Schrei und Spoken Word ins Horrende driftenden Déluges et autre péripéties rütteln kaum an der Kohärenz. Und – auch im Rahmen dieser Illusion erweist sich Annette Vande Gorne als Verfechterin einer Musikalität, die sich eben nicht damit brüstet, ihr traditionell zugestandenes Gut gewaltsam zu unterlaufen. Wer will, der kann auch: entdecken.

facebook.com/annette.vandegorne
facebook.com/eDigitales/

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!